Rethink Manuelle Therapie: Alles Quatsch oder was?
Manuelle Therapie – meine persönliche Hassliebe in der Physiotherapie. Welch Wahnsinn, wie sehr wir uns darin verrennen. Wie sehr wir auf „Pre-Post-Erfolge“ trainiert sind. Wie sehr man uns beigebracht hat, dass wir Dysfunktionen ertasten und durch passive Techniken verändern können – was dazu führt, dass wir denken, wir wären Heiler schlechthin: „Ah, ich weiß schon – legen Sie sich mal hin, das hab ich 1000-mal behandelt.“ Wir hören, was bisher gemacht wurde, und suchen so lange nach Fehlern, bis wir etwas gefunden haben. Und dann? Therapie, Effekt, Schulterklopfen. Aber was hat wirklich gewirkt? Die Technik? Oder das Setting? Das Gespräch? Die Zuwendung? Auch die „Hands-off-Physios“, die alles Passive verteufeln, sind Teil des Problems. Zwischen Dogmatik und Dogmenbashing braucht es dringend: eine neue graue Mitte. Warum wir über die Manuelle Therapie anders sprechen müssen – ehrlicher, differenzierter, moderner.
Eine neue Erzählung
Die Manuelle Therapie ist das traditionelle Herzstück der Physiotherapie – und gleichzeitig befindet sie sich in einer Identitätskrise.
Lange galt: Wir ertasten und korrigieren. Wir verändern Gelenkstellungen, lösen Triggerpunkte und beheben Blockaden. Doch viele dieser Annahmen sind heute widerlegt. Und trotzdem: Die Berührung bleibt – und vereint alle MT Konzepte.
Manuelle Therapie existiert in vielen Formen, durch viele Berufsgruppen, mit vielen Erzählungen. Was sie eint, ist der Körperkontakt – ein zutiefst menschlicher Faktor.
Vielleicht ist genau das ihr wahrer Wert.
Vielleicht geht es bei der Manuellen Therapie nicht um das Korrigieren von Fehlstellungen – sondern um das Kommunizieren von Sicherheit.
Nicht um Druck, sondern um Verbindung.
Nicht um Technik, sondern um menschliche Präsenz.
Berührung ist eine Urform von Beziehung. Ein archaischer Kommunikationskanal. Sie sagt: Ich bin da. Du bist nicht allein. Du wirst gesehen. In Zeiten von Schmerz, Angst oder Unsicherheit kann diese einfache Botschaft therapeutischer wirken als jede high-skilled Mobilisationstechnik.
Wenn wir aufhören, Berührung biomechanisch zu überfrachten – und anfangen, sie als psychosoziales Werkzeug zu begreifen, bekommt Manuelle Therapie ihren Platz zurück. Nicht als Dominator der Therapie, sondern als respektvoller Bestandteil im multimodalen Gesamtbild.
7 Fakten die man über Manuelle Therapie wissen sollte
1/7 Die Testbasis wackelt – und zwar gewaltig.
Die klassischen manualtherapeutischen Testverfahren – passive Beweglichkeit (ROM), Endgefühl, Schmerzprovokation und statische Asymmetrien – gelten oft als Grundlage klinischer Entscheidungsfindung. Doch genau diese Verfahren zeigen in Studien regelmäßig:
Sie sind weder valide noch reliabel.
Das heißt: Zwei erfahrene Therapeuten kommen oft zu unterschiedlichen Ergebnissen, selbst beim selben Patienten. Ihre Einschätzungen basieren weniger auf objektiven Kriterien als auf Interpretation, Intuition – und manchmal auch Suggestion.
(vgl. van Trijffel et al., 2005; van Trijffel et al., 2010; van de Pol et al., 2010)
2/7 Strukturveränderung? Fehlanzeige.
Ein verbreiteter Glaube lautet: Manuelle Therapie könne durch Druck, Zug oder Mobilisation Gewebe in seiner Struktur verändern – etwa Faszien lösen, Gelenke „zentrieren“ oder Blockaden aufheben.
Die Forschung sagt klar: Das passiert nicht.
MT verändert weder Faszien noch Gelenke dauerhaft – und wenn doch, dann nur im Bereich weniger Mikrometer, also klinisch irrelevant.
(vgl. Bialosky, 2009; Zusman, 2011)
3/7 Gelenkpositionen verändern? Kurzfristig – wenn überhaupt.
Manche Therapeuten sind überzeugt: Ein gezielter Impuls bringt das Gelenk „zurück an seinen Platz“. Doch Untersuchungen zeigen:
Selbst bei wahrnehmbarer „Manipulation“ bleibt die Gelenkstellung nahezu unverändert.
Eventuelle Verschiebungen sind minimal, temporär – und oft gar nicht objektivierbar.
(vgl. Colloca et al., 2003; Tullberg et al., 1998; Sato et al., 2014; Kardouni et al., 2015)
4/7 Schmerzlinderung? Ja – aber nicht exklusiv.
Es wäre falsch zu sagen, manuelle Therapie wirke gar nicht. Sie wirkt – aber nicht besser als viele andere Interventionen.
Bei Rücken- oder Nackenschmerzen ist MT in Studien nicht effektiver als Bewegungstherapie, orale Analgetika – oder sogar Wait-and-See-Ansätze.
(Rubinstein et al., 2011; Rubinstein et al., 2012; Gross et al., 2015; Groeneweg et al., 2017; Artus et al., 2010)
5/7 Gleich wirksam wie Placebo – ernsthaft.
Wenn scheinmanuelle Techniken – also absichtlich unspezifisch oder gar inaktive Berührungen – die gleichen Effekte erzielen wie manualtherapeutisch „korrekte“ Techniken, müssen wir uns fragen: Was wirkt hier wirklich?
Antwort: Der Kontext. Die Erwartung. Die Beziehung.
Der reine taktile Kontakt kann über Mechanismen wie die Ausschüttung endogener Opioide oder die Aktivierung inhibitorischer Bahnen im ZNS zur Schmerzlinderung führen – ganz unabhängig von Richtung, Druck oder Technik.
(vgl. Aspinall et al., 2019; Bialosky et al., 2011, 2014; Ernst & Harkness, 2001; Guimarães et al., 2016)
6/7 Die Technik ist nicht entscheidend – das „Wie“ schon.
Spezifität – also die genaue Technik, Richtung und Lokalisation – scheint in Studien keine Rolle für den Effekt zu spielen.
Unspezifische Techniken wirken genauso gut wie präzise geplante Interventionen.
Was zählt, ist die Interaktion – nicht der Winkel.
(Aquino et al., 2009; Chiradejnant et al., 2003; McCarthy et al., 2019; Kanlayanaphotporn et al., 2009)
7/7 Neuro statt Biomechanik – das eigentliche Wirkprinzip.
Der zentrale Erklärungsansatz für manualtherapeutische Effekte liegt in der neurophysiologischen Modulation.
Durch MT kommt es kurzfristig zu:
- Reduktion nozizeptiver Afferenzen
- Hemmung zentraler Sensitivierung
- Aktivierung inhibitorischer Systeme (z.B. im Hirnstamm)
- Beruhigung vegetativer Aktivität (Sympathikus)
- Reduktion kortikaler Aktivitäten (z.B. Amygdala, Insula)
Diese Effekte sind messbar – und sie treten nicht wegen Gelenkrepositionierung, sondern durch multimodale Reize im Behandlungskontext auf.
(Oostendorp et al., 2007; Coronado et al., 2012; Bialosky et al., 2017, 2018; Sparks et al., 2013)
Der Placebo ist nicht das Problem – sondern die Behauptung von Spezifität
Placebo ist kein Schimpfwort. Es ist kein Makel, keine Täuschung. Placebo ist Wirkung – nur eben nicht so, wie wir sie gerne erklären würden.
Der Placeboeffekt in der Manuellen Therapie zeigt uns, wie mächtig Erwartung, Vertrauen, Aufmerksamkeit und Setting sind. Die Tatsache, dass wir helfen, ist manchmal weniger davon abhängig, wie wir helfen.
Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Das Problem ist nicht der Placeboeffekt – sondern der Mythos der Spezifität.
Wenn wir behaupten, eine Technik sei nur dann wirksam, wenn sie exakt in die richtige Richtung, mit dem richtigen Hebel und dem korrekten Endgefühl ausgeführt wird, dann bauen wir ein Kartenhaus aus scheinpräzisen Erklärungen – das bei der kleinsten Meta-Analyse zusammenbricht.
Denn die Daten zeigen: Es macht kaum einen Unterschied, ob wir mit oder gegen die Dysfunktion mobilisieren. Ob wir spezifisch oder unspezifisch behandeln. Entscheidend sind Beziehung, Kommunikation, Kontext und Intention. Der Körper reagiert nicht auf den Hebel – sondern auf das Gesamtpaket.
Das bedeutet nicht, dass alles egal ist. Es bedeutet nur: Die Technik ist nicht das Zentrum. Die Begegnung ist es.
Und genau hier liegt die Krux: Wenn wir die Wirksamkeit manueller Therapie an vermeintlich mechanischen Veränderungen aufhängen, kreieren wir falsche Glaubenssätze Diese Mechanismen sind jedoch längst widerlegt.
Und doch: MT kann so sinnvoll sein!
Ein Patient, der in der ersten Sitzung nicht berührt wird, könnte enttäuscht sein. Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Erfahrung kann Vertrauen kosten.
Manuelle Therapie darf Teil des Behandlungskonzepts sein – optional, manchmal optimal.
Aber: Sie darf nicht passivieren, Angst machen oder das Gefühl vermitteln, der Körper sei defekt.
Sie darf nicht kinesiophob machen.
Und sie darf nicht von falschen Dogmen leben.
Wie MT nicht sein sollte:
- Reduktionistisch und biomechanisch
- Therapeutenzentriert und technikverliebt
- Kontextignorant und passivitätsfördernd
- Angstverstärkend und fragilisierend
Wie MT sein darf:
- Kontextsensibel
- Ressourcenorientiert
- Kurzfristig symptomlindernd
- Eingebettet in ein aktives Gesamtkonzept
Der Rest? Ist individuell.
Fazit: Raus aus der Echokammer – rein in die Grauzone
Manuelle Therapie ist weder Allheilmittel noch völliger Quatsch. Sie ist ein Werkzeug unter vielen. Ihre Wirkung hängt nicht von Technikperfektion ab, sondern vom therapeutischen Kontext, vom Menschen, von der Beziehung. Wir brauchen keine neue Technik – wir brauchen ein neues Denken: evidenzbasiert, reflektiert, empathisch.
Nicht mehr Problem-Finder. Sondern Potenzial-Entdecker.
Nicht mehr „Ich weiß schon, was Ihnen fehlt.“ Sondern: „Was brauchen Sie gerade von mir?“
Manuelle Therapie bleibt – aber in einem neuen Licht.
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