Rethink Changemanagement – Warum scheitern Veränderungen in der Therapie?
Veränderung ist das Versprechen jeder Therapie. Doch zwischen Absicht und Realität klafft oft eine Lücke so groß wie der Grand Canyon. Während wir von evidenzbasierter Medizin sprechen, halten wir an überholten Denkmustern fest. Während wir Patienten zu Veränderungen motivieren wollen, sind wir selbst in starren Strukturen gefangen. Warum ist Veränderung so schwer? Und was können wir tun, um den Stillstand zu durchbrechen? Zeit, unsere Changemanagement-Strategien zu überdenken.
Veränderung predigen, aber nicht leben?
„Ich behandle evidenzbasiert.“ Hörst du das auch so oft? Dann frag mal nach: Welche Evidenz? Die Evidenz aus dem letzten Insta-Post, den du geliket hast? Das Problem vieler Therapeuten: Sie fordern Veränderung von ihren Patienten, aber schaffen selbst kaum eine Veränderung für ihre eigenen Belange. Da wird über Neuroplastizität und Lernfähigkeit des Gehirns doziert – aber die eigene Fortbildung begrenzt sich auf Scrollen durch Instagram-Reels. Und ja – ich mache selber Reels, aber sie ersetzen keine autodidaktische Weiterbildung, sie stoßen sie nur an.
Besonders absurd wird es, wenn Therapeuten sagen: „Meine Patienten sind so veränderungsresistent.“ Moment mal – wer ist hier eigentlich resistent? Der Patient, der skeptisch auf den fünften Edukations-Monolog reagiert?
Echte Veränderung beginnt mit Selbstreflexion. Wer andere überzeugen will, muss selbst überzeugt sein – nicht nur von seiner Methode, sondern auch von der Notwendigkeit, diese ständig zu hinterfragen und anzupassen. Therapeutische Flexibilität ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Professionalität. Und häufig geht es nicht um das WAS du sagst oder verändern willst, sondern um das WIE. Das WIE entscheidet zwischen Erfolg und Misserfolg.
Warum das System nachhaltige Veränderung verhindert
Hier wird es richtig perfide. Unser Gesundheitssystem predigt Innovation, aber belohnt Stillstand. Zwanzig Minuten für komplexe Schmerzpatienten. Standardisierte Anamnesebögen für individuelle Geschichten. Abrechnung nach veralteten Diagnose-Codes statt nach tatsächlichem Klinischen Bild und individuellen Bedürfnissen.
Das System zwingt uns in eine Schublade: Schnell, oberflächlich, symptomorientiert. Wer sich Zeit nimmt für Patientenedukation, psychosoziale Faktoren oder interdisziplinäre Zusammenarbeit, wird bestraft – durch Zeitdruck, schlechte Vergütung oder Kritik von Kollegen.
Noch schlimmer: Die Fortbildungslandschaft. Da werden alte Konzepte in neuer Verpackung verkauft. „Revolutionäre“ Methoden, die sich bei genauerer Betrachtung als Aufguss von Techniken aus den 80ern entpuppen. Hauptsache, die Teilnahmebescheinigung stimmt und die Fortbildungspunkte sind erreicht.
Die Krux: Echte Innovation braucht Mut zum Scheitern, Zeit zum Experimentieren und Raum für Diskussion. All das bietet unser System nicht. Stattdessen: Effekte über Effizienz, Quantität über Qualität.
Die Patienten-Falle: Zwischen passiver Erwartung und aktiver Ablehnung
„Können Sie das nicht einfach einrenken?“ Diese Frage fasst das Dilemma perfekt zusammen. Patienten kommen mit der Erwartung einer passiven Lösung und treffen auf Therapeuten, die Eigenverantwortung fordern. Ein Clash der Welten.
Aber seien wir ehrlich: Wer hat diese Erwartung geschaffen? Jahrzehntelang wurde Patienten vermittelt: „Wir reparieren Sie.“ Plötzlich sollen sie verstehen, dass Schmerz komplex ist, dass sie selbst aktiv werden müssen, dass es keine Wunderpille gibt?
Die Herausforderung liegt nicht in der mangelnden Bereitschaft der Patienten – sie liegt in unserer Kommunikation. Wer zwanzig Jahre lang gehört hat, dass seine Bandscheibe „kaputt“ ist, braucht Zeit, um zu verstehen, dass Schmerz nicht gleich Schädigung bedeutet.
Erschwerend kommt hinzu: Patienten haben oft einen Marathon von erfolglosen Behandlungen hinter sich. Physiotherapie, Osteopathie, Chiropraktik, Injektionen, Operationen – und die Schmerzen sind immer noch da. Dann kommt der nächste Therapeut und erklärt: „Alle anderen lagen falsch, selbst sie selbst – ich habe die Lösung.“ Glaubwürdig ist das nicht. Das WIE ist hier einfach gesagt – mega schlecht.
Was Patienten brauchen, ist nicht eine weitere Wundermethode, sondern Empathie und Verständnis für ihre Schmerzgeschichte, realistische Erwartungen und Schritt-für-Schritt-Begleitung beim Veränderungsprozess.
Die Change-Illusion: Warum wir Veränderung falsch verstehen
Hier der größte Denkfehler: Wir glauben, Veränderung funktioniert linear. Problem erkennen → Lösung anbieten → Umsetzung → Erfolg. So einfach ist es nicht.
Echte Veränderung ist unlinear, manchmal widersprüchlich und nicht selten frustrierend. Menschen pendeln zwischen alten und neuen Verhaltensweisen, haben Rückfälle und Zweifel. Das ist normal – nicht pathologisch.
Besonders problematisch: das Alles-oder-Nichts-Denken. Entweder biomedizinisch oder biopsychosozial. Entweder Hands-on oder Hands-off. Entweder aktiv oder passiv. Diese Extreme helfen niemandem.
Die Realität sieht anders aus: Veränderung braucht Zwischenschritte, Kompromisse und manchmal sogar scheinbare Rückschritte. Ein Patient, der lernt, dass nicht jeder Schmerz gefährlich ist, wird trotzdem noch bei akuten Episoden Angst haben. Das ist Teil des Lernprozesses – nicht dessen Scheitern.
Effektive Veränderung bedeutet auch: Menschen dort abholen, wo sie stehen. Nicht dort, wo sie unserer Meinung nach stehen sollten.
Change-Strategien: Was wirklich funktioniert
Schluss mit der Theorie – her mit der Praxis. Wie können wir Veränderungen tatsächlich herbeiführen?
Die 80/20-Regel: Achtzig Prozent der Veränderung kommen durch zwanzig Prozent der Maßnahmen. Konzentriere dich auf das Wesentliche statt auf perfektionistische Detailoptimierung.
Der Ping-Pong-Effekt: Menschen lernen durch Extreme. Lass zu, dass Patienten von „alles ist kaputt“ zu „alles ist psychisch“ schwingen, bevor sie in der Mitte ankommen. Deine Aufgabe ist nicht, das zu verhindern, sondern zu begleiten. Und mir schießen gerade 10 Patientenbeispiele in den Kopf, bei denen durch diese Low-Key-Methode (der einen langen Atem und Geduld braucht) ein nachhaltig höherer Therapieerfolg erzielt werden konnte, als bei Patienten denen ich ungewollte Edukations-Monologe vorgetragen habe. Das WAS mag gut gewesen sein, aber das WIE: mega schlecht.
Mikro-Commitments: Große Versprechen führen zu großen Enttäuschungen. Kleine, erreichbare Schritte führen zu nachhaltigem Erfolg. Lieber jeden Tag fünf Minuten Bewegung als dreimal pro Woche eine Stunde Sport, die nie stattfindet.
Sympathie: Ja, Menschen folgen eher jemandem, den sie mögen. Das ist häufig eine Gefahr, wenn das WIE stimmt aber das WAS nicht. Sympathie allein reicht nicht. Aber ohne Sympathie haben es Authentizität und Kompetenz schwerer als mit.
Widerstand als Information: Wenn Patienten sich widersetzen, liegt das selten an mangelnder Motivation. Meist liegt es an unklaren Erwartungen, überfordernden Zielen oder fehlender Passung zwischen Methode und Person.
Ahura = Der x-te Change-Guru?
Bevor hier der Eindruck entsteht, ich hätte für alles eine Lösung: Nein, habe ich nicht. Change Management ist schwer, frustrierend und nicht selten erfolglos. Auch ich scheitere regelmäßig – an starren Systemen, skeptischen Kollegen und Patienten, die einfach noch nicht bereit sind. Oder an meiner falschen Ressourceneinschätzung.
Der Unterschied liegt nicht in der perfekten Strategie, sondern in der Haltung: Veränderung als Prozess akzeptieren, nicht als Ziel. Scheitern als Lernchance sehen, nicht als Niederlage. Geduld haben mit Menschen, die Zeit brauchen – einschließlich uns selbst.
Diese Diskussion soll nicht frustrieren, sondern ermutigen. Denn auch wenn Veränderung schwer ist: Sie ist möglich. Jeden Tag aufs Neue.
Fazit: Für eine realistische Change-Kultur
Change Management in der Schmerztherapie ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wer schnelle Lösungen verspricht, lügt. Wer perfekte Strategien anbietet, verkauft Illusionen.
Die Wahrheit ist komplexer und gleichzeitig simpler: Veränderung beginnt bei uns selbst, braucht Zeit und Geduld, und scheitert öfter als sie gelingt. Das ist normal.
Ab heute: Weniger perfekte Pläne, mehr flexible Anpassung. Weniger Widerstand bekämpfen, mehr Widerstand verstehen. Weniger predigen, mehr vorleben. Eine ehrliche Change-Kultur bedeutet, das Scheitern als Teil des Erfolgs zu akzeptieren und trotzdem weiterzumachen.
Der nächste Artikel erscheint in 4 Wochen. Das Thema weiß ich noch nicht – mal schauen, wohin mich meine Gedanken und Finger führen. Vergiss nicht dich für den Newsletter anzumelden, um nichts zu verpassen. 👇🏼
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