02/03/2026| Ahura Bassimtabar

 Rethink Chronic Pain 2/2:Schmerz und Leid sind untrennbar verbunden! 

Warum wir über Leid sprechen müssen ohne es vom Schmerz zu trennen: In der Schmerzmedizin erleben wir immer wieder eine merkwürdige Bewegung: Einerseits wird das Leid von Menschen mit chronischen Schmerzen zu wenig gesehen. Es geht um das Hohlkreuz oder zu schwache Rumpfmuskeln, die verantwortlich für die Einschränkung sein sollen. Andererseits entsteht in der fachlichen Debatte zunehmend die Tendenz, Leid anzuerkennen, aber als etwas Zusätzliches zu verstehen – als psychologisches „Add-on“ zum eigentlichen Schmerz. Beides greift in meinen Augen zu kurz. Inspiriert von den Arbeiten von Shaunna Siler (2021) und Sabrina Coninx (2024) mit Grey-Zone Einordnung und Bassimtabarschem Zusatz.

Schmerz und Leid: Warum wir sie unterscheiden müssen, ohne sie zu trennen

In der Diskussion um chronischen Schmerz taucht immer wieder eine scheinbar einfache Frage auf: Ist es der Schmerz, der Menschen beeinträchtigt – oder ist es das Leid? Diese Gegenüberstellung klingt zunächst plausibel. Sie suggeriert Klarheit. Schmerz hier, Leid dort. Körperliches auf der einen Seite, Psychisches auf der anderen.

Doch genau diese Trennung greift zu kurz. Sie wird weder der Definition von Schmerz gerecht noch der gelebten Erfahrung von Betroffenen. Gleichzeitig wäre es ein Fehler, das Leid nicht ausdrücklich zu thematisieren. Es verdient Aufmerksamkeit – aber nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil des Schmerzes selbst.

Schmerz ist nie nur sensorisch

Die international anerkannte Definition der International Association for the Study of Pain beschreibt Schmerz als „ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung einhergeht oder einer solchen ähnelt“ (Raja et al., 2020). Das Wort „Leid“ erscheint hier nicht. Doch das Adjektiv „unangenehm“ ist keineswegs trivial. Es verweist bereits auf eine affektive Qualität.

Schmerz ist laut Definition nicht nur eine sensorische Information, sondern immer auch eine emotionale Erfahrung. Ohne diese negative affektive Tönung wäre er kein Schmerz, sondern lediglich ein neutrales Signal.

Mit anderen Worten: Das, was wir umgangssprachlich als Leid bezeichnen, ist im Begriff des Schmerzes bereits angelegt. Die emotionale Belastung ist kein Add-on, sondern konstitutiver Bestandteil.

Noch deutlicher wird dies in der Definition des chronischen primären Schmerzes. Auch hier gemäß der IASP wird betont, dass dieser länger als drei Monate anhält oder wiederkehrt und „mit signifikanter emotionaler Belastung einhergeht“ (Nicholas et al., 2019). Die emotionale Dimension ist also nicht eine mögliche Folge -> sie gehört zur diagnostischen Beschreibung selbst! (Ja, da sind wir wieder beim Thema Definitionen. Entweder wir halten uns an sie, oder wir philosophieren etwas zu viel drumherum und vergeuden unsere Zeit.)

Was meinen wir eigentlich mit Leid?

Wenn wir in der Schmerzforschung von Leid sprechen, meinen wir in der Regel mehr als Intensität. Leid beschreibt nicht nur, dass etwas stark weh tut. Es beschreibt, dass Schmerz Bedeutung bekommt.

Leid entsteht, wenn Schmerz die eigene Handlungsfähigkeit unterbricht. Wenn er Pläne durchkreuzt, Rollen infrage stellt, Beziehungen belastet. Wenn der Körper nicht mehr als verlässlich erlebt wird. Wenn Zukunft unsicher erscheint. In diesem Sinne ist Leid eng mit Bedrohung verknüpft – nicht nur der körperlichen Integrität, sondern der biografischen Kontinuität.

Philosophisch lässt sich das präzisieren: Leid entsteht nach Cassell, wenn Menschen das Gefühl haben, ihre Integrität oder ihr Selbst sei bedroht oder zerfalle. Neuere Ansätze erweitern dies – Leid kann als Störung der Handlungsfähigkeit, als Unterbrechung des Selbsterlebens oder als Fragmentierung des mentalen Lebens verstanden werden. Chronischer Schmerz beeinträchtigt dabei beide Formen von Handlungsfähigkeit: sowohl das Gefühl der direkten Kontrolle über Handlungen als auch das Gefühl, ein bedeutungsvolles, selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Verlust dieser Handlungsfähigkeit trägt seinerseits zur Chronifizierung bei –> ein Teufelskreis.

Viktor Frankl brachte es prägnant auf den Punkt: Schlimmer als Leid ist Leid ohne Sinn – das nannte er Verzweiflung. Wer ein „Warum“ zu leben hat, kann fast jedes „Wie“ ertragen. Unbehandelter, bedeutungsloser Schmerz kann so zu tiefem existenziellem Leid führen, bis hin zu dem Wunsch zu sterben. (Es macht mich jedes Mal aufs Neue sauer, wenn ich realisiere, wie viele Therapeuten chronischen Schmerz mit Faszientherapie und Einrenken behandeln wollen. Das ist eine Beleidigung für das, was die Menschen erleben.)

Chronischer Schmerz verändert nicht nur die Schmerzwahrnehmung selbst, sondern transformiert tiefgreifend das gesamte Erleben: die Wahrnehmung des eigenen Körpers, des Selbst und der Beziehung zur sozialen und physischen Umwelt. Aus einem aktiven Menschen wird ein vorsichtiger. Aus einem Planenden ein Vermeidender. Aus einem sozialen Wesen ein Rückzügler. Menschen mit chronischem Schmerz erleben ihre Welt zunehmend als bedrohlich, verlieren das Vertrauen in ihren Körper und fühlen sich hoffnungslos in einer Welt der Einschränkung gefangen. Das alles sind keine externen Begleiterscheinungen, sondern Ausdruck desselben komplexen Geschehens, das wir chronischen Schmerz nennen. Dabei ist Leid nicht allein durch Intensität, Dauer oder sensorische Qualität des Schmerzes bestimmt. Manche Menschen mit starkem chronischem Schmerz berichten kaum von Beeinträchtigungen; bei anderen ist es gerade das Leid – nicht der Schmerz selbst –, das zu Behinderung und Verzweiflung führt.

Die Versuchung der künstlichen Trennung

In der klinischen Praxis und auch in wissenschaftlichen Debatten entsteht dennoch immer wieder die Tendenz, Schmerz und Leid voneinander abzugrenzen. Schmerz wird dabei als neurobiologisches Problem verstanden, Leid als psychologisches. Die drohende Konsequenz wäre eine Aufteilung der Therapie: Hier die somatische Behandlung, dort die „Leidensbearbeitung“. (Halte ich nicht für sehr wahrscheinlich, aber ich denke, dass viele Therapeuten oder Wissenschaftler diese Debatten missverstehen könnten und falsche Wege einschlagen.)

Denn eine solche Dichotomisierung erzeugt neue Probleme. Denn wenn man Leid als separaten Bereich definiert, müsste man konsequenterweise auch andere Phänomene separieren: Vermeidungsverhalten, Angst, Katastrophisieren, soziale Isolation, Bewegungsmangel, depressive Entwicklungen. All diese Prozesse sind jedoch seit Jahren als integrale Bestandteile chronischer Schmerzmechanismen anerkannt. Warum also ausgerechnet das Leid herauslösen? Weil es der Überbegriff für die oben genannten Punkte ist? Bestreite ich. Und selbst wenn: mit dem Thematisieren von Überbegriffen hat man noch nie reale Handlungen verbessert, dann müsste man die Aspekte schon genau beim Namen nennen.

Neurobiologisch betrachtet sind emotionale und sensorische Komponenten eng verflochten. Zentrale Sensibilisierung, Stressverarbeitung, affektive Netzwerke und Bewertungsprozesse beeinflussen sich wechselseitig. Auf physiologischer Ebene aktiviert akuter Schmerz nozizeptive Signalwege, wobei periphere und zentrale Sensibilisierungsmechanismen die Schmerzverarbeitung verstärken können. Chronischer Schmerz wirkt darüber hinaus als anhaltender Stressor: neuroendokrine Dysregulation, Erschöpfung, Dysphorie, Myalgie und beeinträchtigte geistige sowie körperliche Leistungsfähigkeit sind die Folge. Psychologisch betrachtet prägt die Bedeutung, die einem Schmerz zugeschrieben wird, seine Intensität und Dauer. Sozial betrachtet wirkt Resonanz – oder deren Fehlen – direkt auf das Erleben zurück.

Schmerz ist kein lineares Signal, sondern ein dynamisches Netzwerkereignis. Leid ist darin keine externe Variable, sondern eine Dimension. (Und da sind wir wieder bei Definitionen: Es gibt laut IASP 5 Schmerzdimensionen (Mersey & Bogduk, 1986). Die 2. lautet „affektiv-motivational“ -> Leid wird hier bereits erwähnt und berücksichtigt!)

Warum das Leid trotzdem ausdrücklich benannt werden muss

Die Ablehnung einer Trennung bedeutet jedoch keineswegs, das Leid zu relativieren. Im Gegenteil. In der klinischen Realität wird es häufig unterschätzt oder verkürzt betrachtet. Schmerzintensität wird gemessen, Funktionsverlust dokumentiert – aber existenzielle Betroffenheit bleibt oft unausgesprochen.

Viele Patientinnen und Patienten berichten weniger über die Stärke des Schmerzes als über das, was er mit ihrem Leben gemacht hat: verlorene berufliche Identität, eingeschränkte Elternrolle, brüchige Partnerschaften, schwindende Zukunftspläne. Dieses Erleben verdient Raum.

Leid explizit zu erheben bedeutet daher nicht, es vom Schmerz zu trennen. Es bedeutet, die affektive und existenzielle Dimension des Schmerzes systematisch mitzudenken. Es bedeutet, nicht nur zu fragen „Wie stark ist der Schmerz?“, sondern auch „Was hat er verändert?“. Manchmal ist die Folge von Schmerz das Hauptproblem oder die Hauptbelastung, nicht der Schmerz. Man stelle sich vor, das Therapieziel wäre dann nicht Schmerzlinderung, sondern die graduelle Wiederaufnahme der Tätigkeit (trotz etwas Schmerzen), die man aufgrund der Schmerzen hatte sein lassen. Würde das nicht das Leid signifikant reduzieren? Aber sicher!

Schmerz und Leid entstehen zudem nicht im Vakuum. Sie werden aktiv mitgestaltet durch die Art, wie Menschen mit Schmerz umgehen, durch soziale Faktoren wie wirtschaftlichen Status, soziale Unterstützung oder Stigmatisierung und durch die Normen klinischer Gemeinschaften. Leid kann durch Behandelnde verstärkt werden, wenn Patienten das Gefühl haben, nicht gehört oder ernst genommen zu werden. Umgekehrt kann mitfühlende Präsenz, tiefes Zuhören, emotionale Verbundenheit, echtes Interesse am Menschen hinter dem Schmerz das Leid lindern, selbst wenn der Schmerz körperlich fortbesteht. (Ich liebe gerade diesen praktischen Übertrag.)

Integration statt Fragmentierung

Die moderne Schmerzwissenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten vom rein biomedizinischen Modell entfernt. Das biopsychosoziale Verständnis hat deutlich gemacht, dass Schmerz aus dem Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren entsteht. Eine erneute Aufspaltung in „Schmerz“ und „Leid“ würde dieses integrative Denken unterlaufen. Sie würde suggerieren, dass es einen Kernschmerz gibt, der gewissermaßen „rein“ ist, und ein zusätzliches Leiden, das man gesondert behandeln müsse. Doch ein solcher Kern existiert in dieser Form nicht.

Leid ist nicht das, was zum Schmerz hinzukommt. Es ist das, was Schmerz als bedrohlich, belastend und lebensverändernd erfahrbar macht. Gerade beim chronischen Schmerz ist diese Einheit besonders deutlich. Hier verschmelzen neurobiologische Veränderungen, emotionale Belastung, Verhaltensanpassungen und soziale Dynamiken zu einem Gesamtbild. Das Leid ist kein Fremdkörper in diesem System.

Fazit: Untrennbar verbunden

Die Frage lautet daher nicht, ob wir Schmerz oder Leid behandeln sollten. Die Frage lautet, ob wir bereit sind, Schmerz in seiner ganzen Tiefe zu verstehen. Leid zu berücksichtigen ist essenziell. Es sichtbar zu machen ist notwendig. Es ernst zu nehmen ist ethisch geboten. Aber es vom Schmerz zu separieren, wäre eine Vereinfachung, die dem Phänomen nicht gerecht wird. Schmerz und Leid sind keine konkurrierenden Konzepte. Sie sind zwei Perspektiven auf dasselbe menschliche Erleben.

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