Schmerzlinderung ist KEIN Therapieerfolg!
Ich habe bereits einige Posts auf Instagram zu diesem Thema gemacht. Angefangen mit dem „verflixten Re-Test“, vielleicht erinnert ihr euch. Heute wollte für euch alles zu dem Thema bündeln und es aus meiner Sicht nochmal herunterschreiben. Und soviel schonmal vorab: Dieser Artikel macht Schmerzfreiheit nicht schlecht. Sie ist ein wichtiges Ziel. Aber sie allein als Maßstab für therapeutischen Erfolg zu nehmen, ist ein Denkfehler, der uns in der Praxis täglich begegnet und dem wir dringend begegnen müssen.
Das Problem fängt mit einem Satz an
„Wer heilt, hat recht.“ Kaum ein Satz wird in der Therapieszene so oft zitiert. Und kaum ein Satz wird so oft missverstanden. Und kaum einen Satz nehme ich so ungern in den Mund.. aber vielleicht ändert sich das durch diesen Artikel? Denn was bedeutet „Heilung „eigentlich? Wenn damit gemeint ist, dass der Schmerz auf der Skala von einer 8 auf eine 2 gerutscht ist, dann reicht das nicht. Es beweist weder, dass die Ursache behoben wurde, noch dass die Besserung anhält, noch dass sich im Alltag des Patienten irgendetwas wirklich verändert hat. Eine Zahl auf einer Skala ist kein Therapieerfolg.
Die Retest Magie
Wir kennen alle diesen Moment. Behandlung fertig, Patient steht auf, wir machen den Retest. Die Bewegung, die vorher bei 60 Grad endete, geht jetzt bis 80. Der Schmerz beim Heben ist weg. Der Patient schaut uns an wie jemanden, der gerade einen Zaubertrick vorgeführt hat. Und mal ehrlich: Wir genießen diesen Moment.
Das ist auch menschlich. Das Gefühl, geholfen zu haben, ist einer der Gründe, warum wir diesen Beruf machen.
Aber genau hier lauert der blinde Fleck. Denn was haben wir in diesem Moment eigentlich bewiesen? Dass sich etwas verändert hat, ja. Aber warum? Und wie lange hält das? Der Retest direkt nach der Behandlung ist das am stärksten kontaminierte Messinstrument, das wir haben. Der Patient ist entspannt. Das Nervensystem ist runtergeregelt. Die Erwartung einer Besserung war von Anfang an da, und Erwartungen verändern Schmerzwahrnehmung messbar. Dazu kommt die therapeutische Beziehung, die Aufmerksamkeit, die Berührung, der Kontext. All das moduliert Schmerz kurzfristig, vollkommen unabhängig von dem, was wir mit unseren Händen oder Geräten gemacht haben.
Der Retest ist kein Wirksamkeitsnachweis. Er ist ein Momentbild. Und Momentbilder lügen nicht, aber sie erzählen eben auch nicht die ganze Geschichte. Deshalb brauchen wir einen anderen Maßstab. Und der sieht so aus… (Trommelwirbel..)
Und trotzdem: Gefühle zählen
Ok falscher Alarm: Zum Maßstab kommen wir gleich: Bevor jetzt der Eindruck entsteht, ich will alles objektivieren und Zahlen über Menschen stellen: Das ist nicht der Punkt.
Subjektive Erfahrungen sind echte Therapieerfolge. Wenn ein Patient sagt, er kommt gerne zu mir, dann ist das kein nettes Beiwerk, das ist ein Zeichen dafür, dass therapeutische Beziehung funktioniert, und die ist nachweislich ein Wirkfaktor. Wenn jemand nach der Behandlung sagt, er hat zum ersten Mal verstanden, warum sein Körper so reagiert wie er reagiert, dann ist das Edukation, die ankam. Das ist wertvoll. Das verändert etwas, oft langfristiger als jede objektive Kraftssteigerung.
Und ja, wenn jemand sagt „Ich fühle mich besser“, dann ist das auch Therapieerfolg. Weil Wohlbefinden Lebensqualität ist. Weil das subjektive Erleben des eigenen Körpers zählt. Weil Menschen keine Messgeräte sind und ihre Erfahrung nicht weniger real wird, nur weil sie sich nicht in Kilogramm oder Grad ausdrücken lässt.
Was ich kritisiere, ist nicht das Gefühl als solches. Was ich kritisiere, ist das Gefühl als einzigen Maßstab. Der Unterschied ist entscheidend. Erfolgreiche Therapie darf sich gut anfühlen, und sie darf messbar sein. Beides zusammen ist das Ziel. So jetzt.. Trommelwirbel..
Was Therapieerfolg wirklich bedeutet
Es gibt vier Ebenen, die in dieser Reihenfolge beantwortet werden müssen. Meiner Ansicht nach.
Ebene 1: Objektive Messbarkeit
Die erste Frage ist simpel und wird trotzdem ständig übersprungen: Hat sich überhaupt etwas verändert, das wir messen können?
Nein nicht das Gefühl nach der Session. Auch nicht die Körpersprache des Patienten beim Aufstehen. Sondern harte Parameter. Kraft in Kilogramm. Bewegungsumfang in Grad. Wiederholungszahl unter Last. Schrittlänge. Sprungkraft. Was auch immer zur Problematik passt. Der Grund, warum das so wichtig ist: Wir täuschen uns selbst, wenn wir keine Zahlen haben. Wir neigen dazu, Besserung zu sehen, weil wir sie sehen wollen. Das ist keine Schwäche, das ist menschliche Kognition. Objektive Parameter schützen uns davor, und sie schützen den Patienten davor, entlassen zu werden, weil er heute einen guten Tag hat.
Werkzeuge dafür gibt es: Validierte Fragebögen, Kraftmessungen mit Handdynamometer. Funktionelle Bewegungstests mit Werten.
Ebene 2: Funktionsniveau im Alltag
Die zweite Ebene ist die Frage, die wirklich zählt, die wir aber am seltensten stellen: Was kann der Patient jetzt tun, was er vorher nicht konnte?
Nicht in der Praxis. Nicht unter unseren Augen, wo alles kontrolliert ist und der Erwartungsdruck seine eigene Wirkung entfaltet. Sondern draußen. Morgens beim Anziehen. Beim Tragen des Kindes. Beim Greifen nach dem Regal. Beim ersten Kilometer nach langer Pause. Das ist der Unterschied zwischen Mikro und Makro. In der Praxis trainieren wir im Mikro, isolierte Bewegungen, kontrollierte Bedingungen, optimale Ausgangslage. Therapieerfolg entscheidet sich aber im Makro, in der Übertragung auf das echte Leben mit seiner Unvorhersehbarkeit, seinen schlechten Tagen und seinen vollen Arbeitsstunden.
Wenn jemand in der Praxis fünfzehn saubere Kniebeugen macht, aber im Alltag immer noch nicht die Treppe hochkommt, besteht das Problem nach wie vor! Die Praxisleistung und die Alltagsleistung müssen sich annähern. Das ist die Aufgabe.
Ebene 3: Teilhabe und Lebensqualität
Funktion im Alltag ist gut. Aber Funktion allein ist kein Leben. Der eigentliche Maßstab für Therapieerfolg ist die Frage, ob der Mensch wieder an dem teilnimmt, was für ihn zählt.
Für den einen ist das der Sonntagslauf. Für den anderen das Arbeiten ohne Schmerz nach der sechsten Stunde. Für den dritten das Spielen mit dem Enkel auf dem Boden. Das ist keine Weichheit, das ist Präzision. Denn erst wenn wir wissen, was der Patient wirklich zurückwill, können wir einschätzen, ob wir wirklich gute Arbeit geleistet haben. Lebensqualität ist messbar. Der SF-36 tut es. Der EQ-5D tut es. Und selbst ohne Fragebogen kann eine einzige gut gestellte Frage mehr sagen als zehn Schmerzskalen: „Was konnten Sie letzte Woche tun, das die Woche davor noch nicht möglich war?“
Ebene 4: Langfristigkeit
Die unbequemste Ebene. Weil wir an ihr oft nicht mehr beteiligt sind, wenn sie sich entscheidet.
Eine gute Session ist kein Therapieerfolg. Eine gute Serie von Sessions ist kein Therapieerfolg. Therapieerfolg ist, wenn der Patient drei Monate später noch davon profitiert. Wenn die Kraft gehalten wurde. Wenn der Alltag stabil geblieben ist. Wenn er nicht beim nächsten Heben wieder von vorne beginnt. Das bedeutet konkret: Follow-ups gehören zur Therapie. Nicht als Zusatzleistung, nicht als nette Option, sondern als fester Bestandteil des Behandlungskonzepts. Ein Anruf nach sechs Wochen. Ein kurzer Termin nach drei Monaten. Ein Fragebogen per Mail.
Und es bedeutet auch, dass wir dem Patienten von Anfang an erklären, was Langfristigkeit erfordert. Eigenverantwortung. Belastungsaufbau nach Plan. Verständnis dafür, dass Heilung kein Ereignis ist, das an einem Tag passiert. Und schwupps, schon trimmen wir den Patienten auf Langfristigkeit und seine Erwartungshaltung shapet sich weg von der einen Behandlung hin zum Prozess. Geil!
Schmerz und Gewebe laufen nicht synchron
Das ist der Teil, der mich am meisten beschäftigt, weil er so konsequent ignoriert wird. Schmerzlinderung ist kein Nachweis dafür, dass Gewebe geheilt ist. Schmerz und Gewebestatus sind zwei verschiedene Systeme. Und die Forschung macht das sehr deutlich.
Bei Muskelfaserrissen beschreiben Järvinen et al. die Heilung als dreiphasigen Prozess: Zerstörung, Reparatur, Remodeling. Genau diese letzte Phase, die mechanische Reifung des regenerierten Gewebes, dauert weiter an, lange nachdem die Symptome schon deutlich besser sind. Das regenerierte Gewebe bleibt durch Narbengewebe verbunden, das biologisch schwächer ist als das ursprüngliche Muskelgewebe. Und frühere Verletzungen erhöhen noch Monate später das Risiko einer erneuten Verletzung.
Eine zweite Übersichtsarbeit macht das noch konkreter: Die Entzündungsphase dauert ein bis drei Tage. Die Reparaturphase drei bis vier Wochen. Die Remodeling Phase, in der Fasern weiter reifen, Narbengewebe reorganisiert wird und mechanische Belastbarkeit wächst, dauert drei bis sechs Monate. Das gebildete Narbengewebe ist mechanisch immer schlechter als das Originalgewebe. Punkt.
Was das bedeutet: Schmerzfreiheit nach wenigen Wochen sagt nichts darüber aus, ob das Gewebe wieder voll belastbar ist. Ich sage meinen Sportlern nach Faserrissen, dass der Tag der schmerzfreiheit unegfähr genau die Mitte des Rehaprozesses markeirt (Tag 10 bei 20 Tagen Ausfall bei einer 3a Verletzung). Doch einige, die sich nicht von mir behandeln lassen ;), kehren beschwerdefrei zurück in ihre Belastung und landen beim nächsten Sprint oder bei der nächsten explosiven Bewegung wieder auf dem Behandlungstisch.
Bei Bandscheibenproblemen ist es ähnlich, nur noch komplexer. Ein Paper zeigt, dass Schmerz und neurologische Erholung auf unterschiedlichen Zeitskalen laufen. Der Schmerz kann nachlassen, weil die Entzündung abnimmt, weil das Nervensystem adaptiert, weil der Vorfall beginnt zu schrumpfen. Aber die Nervenwurzel kann noch irritiert sein. Kraftdefizite können bleiben. Reflexveränderungen auch. Und die strukturelle Belastbarkeit ist nicht automatisch wiederhergestellt, nur weil der Patient keine Beschwerden mehr meldet.
Das ist ein generelles Prinzip: Gewebe kann symptomarm werden, bevor die biologische Reparatur abgeschlossen ist. Das trifft Muskeln, Sehnen, Bandscheiben, Nerven.
So, schließen wir mal den Kreis
Schmerzlinderung ist wichtig. Sie ist ein Signal, ein Orientierungspunkt, manchmal ein erster Schritt. Aber sie ist kein Abschluss und sie ist kein Beweis, dass deine Therapie geil war.
„Wer heilt, hat recht“ verliert seinen Sinn, wenn wir Heilung ausschließlich am Verschwinden von Schmerz festmachen. Gerade bei nozizeptiven und neuropathischen Problemen kann der Schmerz weg sein, während biologisch noch monatelang Umbauprozesse laufen und noch keine maximale Funktion erreicht wurde. Gewebe remodelliert. Nerven regenerieren. Narbengewebe reorganisiert sich. Unsere Aufgabe ist es, genau diesen Unterschied zu kennen und ihn unseren Patienten zu erklären. Denn wer seinen Patienten entlässt, sobald der Schmerz weg ist, orientiert sich am falschen Marker. Aber auch bei noziplastischen/chronischen Beschwerden reduziert sich nicht alles nur auf Schmerzlinderung.
Vier Fragen. In dieser Reihenfolge. Immer. Ist die Veränderung objektiv messbar? Hat sich das Funktionsniveau im Alltag verbessert? Nimmt der Patient wieder an dem teil, was für ihn zählt? Und hält das alles langfristig an? Erst wenn wir diese Fragen beantworten können, dürfen wir sagen: Wer heilt, hat wirklich recht. (Uuund jap, ich habs gesagt..)
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