Wissenschaft verstehen, Erfahrungen sammeln
Vor genau 5 Monaten habe ich einen Artikel hier gepostet mit dem Titel „Erfahrung vs. Wissenschaft: Ein Scheingefecht“. Heute schauen wir nochmal tiefer und aus einer anderen Perspektive auf das Thema. Da wir aktuell mit EDUPAIN ein Wissenschaftsevent vorbereiten (Infos kommen sehr bald!), denke ich aktuell besonders viel über Wissenschaft nach und wie ich bessere Brücken schlagen kann bzw. Wissenschaft besser erklären kann.. und eigentlich sollte daraus nur ein kurzes Reel werden, aber wie so oft wurde daraus mehr, als in 90 Sekunden passt. Also habe ich mich an diesem Sonntag hingesetzt und ein bissl was runtergeschrieben: Gut, dass es noch mehr gibt als nur Kurz-Clip-Formate, oder? 😀
Wissenschaft ist (fast) unschlagbar
Erfahrung gegen Wissenschaft, dieser Gegensatz begegnet mir in der Praxis ständig. Dabei ist Wissenschaft im Kern nichts anderes als Erfahrung, nur unter bestimmten Bedingungen gewonnen. Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Prinzip, sondern im Umfang und in der Kontrolle. Sieben Punkte machen das greifbar:
- Genauer kontrolliert. Ein Effekt wird unter Bedingungen untersucht, die Erwartungen und andere Verzerrungen möglichst herausrechnen.
- Größer. Meine eigene Erfahrung basiert auf den rund jährlich 200 Patienten. Wissenschaft kann eine viel größere Population abdecken.
- Vergleichbarer. In der Praxis wirken zwei Fälle oft ähnlich, waren es aber selten wirklich. Wenn ich bei einem Patienten x machen und bei einem anderen y und x besser reagiert, ist das noch kein Beweis für die Überlegenheit von x, die Ausgangslage/Problematik war vielleicht nicht identisch. In Studien wird viel genauer inkludiert und homogenisiert.
- Reproduzierbarer. Eine einzelne Erfahrung zeigt, dass etwas einmal funktioniert hat. Wissenschaft prüft, ob sich das unter ähnlichen Bedingungen wiederholt.
- Systematischer. Eine Erfahrung beeinflusst die Wahrnehmung der nächsten, das kennt jeder von uns. Wissenschaft wertet viele Ergebnisse gleichzeitig aus und ist dadurch weniger anfällig für diese Verzerrung.
- Breiter. Meine Praxis zeigt mir nur die Menschen, die durch meine Tür gehen. Wissenschaft untersucht auch Menschen, die nie in eine Praxis kommen würden, etwa Menschen ganz ohne Schmerzen. Erst so lässt sich prüfen, ob ein Merkmal, das ich immer wieder bei Patienten sehe, tatsächlich mit Schmerz zusammenhängt oder einfach auch bei Gesunden vorkommt.
- Besser generalisierbar. Aus vielen Einzelergebnissen lassen sich Durchschnittstrends für eine Gruppe ableiten, auch wenn dabei der einzelne Mensch nie vollständig beschrieben wird.
Erfahrung hat etwas, das Wissenschaft nicht/nie ersetzt
Bis hierhin klingt es, als hätte Wissenschaft nur Vorteile. Das wäre zu einfach. Erfahrung wird erlebt, sie ist emotional, konkret und bleibt deshalb im Gedächtnis. Eine Studie mit 500 Menschen, die ich nicht kenne, fühlt sich dagegen fern an. Das ist normal, wir haben zu Dingen, die wir selbst erleben, einen stärkeren emotionalen Bezug als zu dem, was wir nur lesen. Und genau das ist zugleich das Problem und die Lösung: Wer wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur liest, sondern anwendet, sammelt dabei automatisch eigene Erfahrung, mit der Anwendung kommt das Erlebnis, mit dem Erlebnis der emotionale Bezug. Wenn man diesen Weg nicht geht, darf man nicht gegen Wissenschaft schießen..
Zwei Denkfehler, die dabei gerne durchrutschen
Es gibt nach wie vor Kolleginnen und Kollegen, die sich besonders auf ihre Erfahrung berufen und gegen „evidenzbasiert“ schießen, gefühlt werden es weniger, was mich freut, aber der Satz „Ich vertraue lieber meiner eigenen Arbeit als der Studie von irgendwelchen fremden Leuten“ fällt trotzdem noch. Dabei werden hier zwei Dinge durcheinandergebracht.
Erstens: Man vergleicht die eigene, bereits angewendete Erfahrung mit einer Quelle, die man selbst noch nie angewendet hat. Das ergibt keinen Sinn. Um fair zu vergleichen, müsste man das, was die Studie empfiehlt, erst umsetzen und dann die eigenen Erfahrungen damit gegen die bisherige Herangehensweise stellen. Vorher hat man die Studie ja gar nicht angewendet, man vergleicht also Erfahrung mit Nicht-Erfahrung. Wissenschaft ohne Anwendung bleibt eine Blackbox!
Zweitens: Das grundsätzliche Misstrauen gegenüber Studien und Wissenschaftlern als Begründung, warum man lieber der eigenen Arbeit vertraut, hat ebenfalls einen Haken. Denn bevor überhaupt eine eigene Erfahrung entstehen konnte, hat man ja auch eine bestimmte Therapieform gelernt, und die ist einem nicht durch göttliche Eingebung zugeflogen. Meistens steckt eine Fortbildung, ein Kurs oder ein Autor dahinter, dem man vertraut, dessen Empfehlung man umgesetzt und mit der man dann Erfahrungen gesammelt hat. Warum sollte dieser Person kein Interesse unterstellt werden, während man es reflexhaft bei Wissenschaftlern tut? Warum wird eigentlich immer unterstellt, dass Wissenschaftler ihre Statistiken fälschen, obwohl eine Einzelperson mit einem eigenen Kurs, den sie verkaufen möchte, Erfahrungsberichte oder Zahlen mindestens genauso leicht zu ihren Gunsten zurechtbiegen kann?
Am Ende läuft es also nicht auf Erfahrung gegen Wissenschaft hinaus, sondern auf Quelle gegen Quelle: die Erfahrung eines einzelnen Fortbilders auf der einen Seite, systematische Untersuchungen oder eine Datenbank wie PubMed auf der anderen, häufig sogar von Fortbildern, die zusätzlich selbst wissenschaftlich arbeiten. Stellt man diese Quellen nebeneinander, ist die Antwort, wem man eher vertrauen sollte, eigentlich ein No-Brainer.
Was das für unsere Arbeit bedeutet
- Wir sollten Wissenschaft nicht nur konsumieren, sondern anwenden, denn erst durch die Anwendung wird sie zu eigener, emotional verankerter Erfahrung.
- Wir sollten Erfahrung nicht gegen Studien in Stellung bringen, sondern Quellen gegeneinander abwägen, die Empfehlung eines einzelnen Fortbilders ist ebenfalls nur eine Quelle, systematische Untersuchungen sind meist die verlässlichere.
- Wir sollten unsere eigene Praxis regelmäßig mit dem Blick von außen abgleichen, gerade weil unsere vier Wände immer nur einen Ausschnitt der Realität zeigen.
Fazit
Erfahrung und Wissenschaft sind keine Gegner. Wissenschaft ist die saubere, kontrollierte, große und vergleichbare Dokumentation von Erfahrungen, die wir selbst nie alle machen könnten. Die Lösung ist nicht zwischen Erfahrung oder Wissenschaft entscheiden zu müssen, sondern Wissenschaft anzuwenden und dabei Erfahrungen zu sammeln. Wenn dich das Thema genauso beschäftigt wie mich, wirf gern nochmal einen Blick in „Ein Scheingefecht“, die beiden Artikel ergänzen sich gut.
Und der nächste Artikel kommt von unserem Neuzugang Dr. Kay-Uwe Hanusch. Wenn du ihn nicht verpassen willst, trag dich gern in den Newsletter ein. Bis bald!
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