13/04/2026| Ahura Bassimtabar

 Erfahrung vs. Wissenschaft: Ein Scheingefecht 

Ich merke, dass eine bestimmte Spannung immer wieder auftaucht, in Diskussionen, in Kommentaren, in Gesprächen unter Kollegen: Erfahrung gegen Wissenschaft. Als wären das zwei Mannschaften, die auf gegenüberliegenden Seiten des Feldes stehen. Ich finde dieses Bild falsch. Denn es gibt eine Diskussion, die immer wieder geführt wird. Manchmal offen, manchmal zwischen den Zeilen. Sie geht ungefähr so: Man zitiert eine Studie. Jemand sagt: „Aber in meiner Praxis sehe ich das anders.“ Und dann steht man sich gegenüber, als hätten sie gerade fundamental verschiedene Weltanschauungen offenbart. 😀 Ich glaube, dieser Streit ist ein Missverständnis. Aber es ist ein produktives Missverständnis, weil es auf etwas Echtes hinweist. Also lass mich versuchen etwas tiefer zu graben. Vielleicht stoßen wir ja auf etwas Wertvolles. 🙂

Kritikfähigkeit

Wer meine bisherigen Beiträge kennt, weiß: Ich stehe für Veränderung. Und Veränderungswille klingt, selbst wenn er konstruktiv gemeint ist, für den Empfänger manchmal nach Kritik. Das ist nachvollziehbar. Niemand hört gerne, dass etwas, das er jahrelang getan hat, vielleicht nicht optimal war. Emotionen, die dabei entstehen, sind völlig menschlich und legitim. Nur sollten sie nicht das letzte Wort haben.

Die entscheidende Frage ist diese: Was will ich eigentlich sein? Ein guter Therapeut? Oder ein tadelloser Therapeut, der von Anfang an alles wusste und keine Belehrung mehr braucht? Wer Letzteres anstrebt, hat aufgehört zu wachsen. Und das ist laut meiner Erfahrung – ja Erfahrung! habe dafür keine Studie 😉 – bei nicht wenigen Therapeuten der Fall.

Was ist Erfahrung überhaupt?

Stellen wir uns vor: Ich behandle eine Knieschwellung mit Lymphdrainage. Danach ist die Schwellung zurückgegangen. Ich habe etwas in Erfahrung gebracht. Diesen Prozess kennt jeder Therapeut. Was macht Wissenschaft? Genau dasselbe, nur mit anderen Rahmenbedingungen. Eine Studie untersucht, ob Lymphdrainage Knieschwellungen reduziert, nur mit unabhängigen Beobachtern, also Menschen, die kein persönliches Interesse am Ergebnis haben. In der Praxis wollen wir, dass es unseren Patienten besser geht. Das ist gut und richtig, aber es macht uns voreingenommen. Das nennt man Bias.

Wissenschaft ist also keine höhere Wahrheit, die irgendwo im Elfenbeinturm erdacht wird. Sie ist dokumentierte Erfahrung unter kontrollierten Bedingungen. Nichts mehr, nichts weniger.

Gewissheit vs. Unsicherheit.

Wer lange in einem Beruf arbeitet, entwickelt etwas, das sich wie Gewissheit anfühlt. Ein Gespür.. ein Muster. „Bei diesem Typ Patient wirkt das. Ich weiß das, weil ich es hundertmal gesehen habe.“ Dieses Gefühl ist real. Es ist womöglich in uns verankert: Unser Gehirn baut Heuristiken, weil sie uns schnelle Entscheidungen ermöglichen. Das ist keine Schwäche sondern womöglich ein Marker der Evolution.

Wissenschaft macht etwas anderes. Sie sagt: Dein Gespür könnte stimmen. Aber lass uns prüfen, ob es auch dann noch gilt, wenn wir alle Faktoren kontrollieren, die du vielleicht unbewusst mitgezählt hast. Und da beginnt das Unbehagen. Denn das klingt wie ein Angriff auf die eigene Kompetenz. Als würde jemand sagen: „Deine Augen lügen dich an.“ Aber darum geht es nicht sondern um etwas viel Subtileres..

Erfahrung ist Wissenschaft mit weniger Kontrolle.

Wenn ich einen Patienten mit Schulterschmerzen mobilisiere und er danach besser ist, habe ich eine Beobachtung gemacht. Ich habe etwas gelernt. Das ist wertvoll. Was ich nicht weiß: Wäre er auch ohne Behandlung besser geworden? War es die Mobilisation, oder war es das Gespräch davor, das ihm das Gefühl gegeben hat, dass sich jemand kümmert? War es der Schlaf, den er in der Nacht zuvor hatte?

Das ist keine philosophische Spielerei. Das sind echte Variablen, und unser Gehirn ist nicht gut darin, sie spontan herauszurechnen. Nicht weil wir dumm sind, sondern weil das Gehirn Muster vervollständigt und nicht Variablen isoliert.

Wissenschaft versucht genau das: isolieren. Sie fragt nicht „Hat Patient A profitiert?“, sondern „Hat die Gruppe, die diese Behandlung bekam, im Durchschnitt mehr profitiert als die Gruppe, die sie nicht bekam, unter sonst gleichen Bedingungen?“ Das ist eine andere Frage. Eine unbequemere aber halt präzisere.

Warum einzelne Erfahrungen täuschen können

Wir sehen im Jahr vielleicht 200 Patienten (wenn es hochkommt, eher 120). Eine Meta-Analyse schaut sich 2000 an, manchmal 5000. Der Unterschied ist entscheidend, und zwar nicht weil unsere Erfahrung wertlos ist, sondern weil ich durch meine 200 Fälle systematischen Verzerrungen ausgesetzt bin, ohne es zu merken.

Ein Beispiel: Ich mobilisiere einen Patienten mit Rückenschmerzen, er verbessert stark. Den nächsten mit ähnlichem Beschwerdebild kräftige ich, er verbessert sich ein wenig. Was schlussfolgere ich? Dass Mobilisation vielleicht besser wirkt. Aber war die Ausgangssituation wirklich identisch? In der Praxis lässt sich das kaum vollständig kontrollieren. Studien können das, zumindest besser..

Dazu kommt die sogenannte Bestätigungsverzerrung: Jede neue Erfahrung, die ich mache, wird unbewusst durch den Filter aller vorherigen Erfahrungen bewertet. Ich gehe nicht neutral in die nächste Behandlung sondern gehe mit Erwartungen hinein.

Wir erinnern uns an die Patienten, bei denen unsere Behandlung gewirkt hat. Die anderen verblassen im Gedächtnis, oder wir finden Erklärungen: „Der hat nicht mitgemacht. Der war nicht motiviert. Der Fall war zu komplex.“ Das machen wir nicht bewusst, das passiert automatisch. Unser Gehirn schützt sein eigenes Modell der Welt.

Wissenschaft hat dafür einen Mechanismus erfunden: die Kontrollgruppe. Sie ist im Grunde eine erzwungene Erinnerung an alle Patienten, bei denen nichts gemacht wurde oder nur der Standard gemacht wurde. Wir in der Praxis haben keine Kontrollgruppe. Wir haben nur unsere Erinnerung und Erinnerung ist kein neutrales Archiv.

Was Wissenschaft nicht kann

Und jetzt der wichtige Gegenpunkt, denn Wissenschaft hat ihre blinden Flecken. Eine Studie misst Durchschnitte. Sie sagt mir, was bei den meisten Menschen in einer bestimmten Situation tendenziell passiert. Was sie nicht sagt: was bei dem Menschen vor mir passiert. Der hat eine Geschichte, ein Nervensystem, eine Beziehung zu seinem Körper, eine soziale Situation, die keine Studie vollständig abgebildet hat.

Klinische Erfahrung ist das, was die Lücke zwischen Populationsdaten und individueller Person überbrückt. Das ist oft der entscheidende Teil der Arbeit. Ein Therapeut, der nur Studienergebnisse anwendet wie Kochrezepte übersieht den Menschen vor sich. Aber ein Therapeut, der nur nach seiner Erfahrung geht, legt seine eigene verzerrte Schablone auf den Patienten. Und die Schablone ist weniger scharf als die Studien-Schablone.

Beides ist net so geil.

Vertrauen in „fremde“ Erfahrungen

Wir vertrauen ständig auf Erfahrungen, die wir selbst nie gemacht haben. Niemand springt aus 100 Metern, um persönlich zu überprüfen, ob das nicht vielleicht doch eine gute Idee ist. Wir glauben den Erfahrungsberichten anderer. Bei weniger drastischen klinischen Fragen tun wir das seltsamerweise seltener. Da wollen wir es lieber selbst gespürt haben. Aber: wenn andere Menschen unter kontrollierten Bedingungen sorgfältig dokumentiert haben, was bei 3000 Patienten passiert ist, warum sollte meine einzelne Beobachtung das überwiegen?

Was mich wirklich beschäftigt: Warum ist dieser Streit so emotional?

Ich glaube, weil er im Kern gar nicht über Methoden geht, sondern über Identität. Wer zehn, zwanzig, dreißig Jahre klinische Praxis hinter sich hat, hat in dieser Zeit nicht nur Techniken gelernt. Er hat ein Selbstbild aufgebaut. „Ich bin jemand, der weiß, was er tut. Ich habe das gelernt, indem ich dabei war. Indem ich Hände aufgelegt habe. Indem ich zugehört habe, wenn Patienten mir gesagt haben, was hilft.“ Und dann kommt jemand mit einer Metaanalyse und sagt implizit: Das reicht nicht.

Das tut weh. Nicht weil es falsch wäre, kritisch zu hinterfragen. Sondern weil es sich anfühlt wie eine Entwertung von allem, was man investiert hat. Das ist kein schönes Gefühl. Es ist aber ein notwendiges.

Fazit: Kein Gegensatz, sondern ein Spektrum

Erfahrung und Wissenschaft sind keine Gegner. Wissenschaft ist Erfahrung mit mehr Patienten, unabhängigerer Messung und besserer Kontrolle der Rahmenbedingungen. Der einzige echte Nachteil: Studien fühlen sich manchmal abstrakt und weit weg an. Das liegt daran, dass wir die Patienten nicht gesehen haben. Aber das Gleiche gilt für den Sturz aus 100 Metern. Trotzdem zweifeln wir da nicht, dass man es besser nicht machen sollte. Wer beides kombiniert, wer seine klinische Intuition als wertvoll betrachtet und gleichzeitig bereit ist, sie mit wissenschaftlicher Evidenz zu kalibrieren, der entwickelt sich. Nicht als Kritisierter. Sondern als jemand, der wachsen will.

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