Enkodieren. Ein neuer Therapieansatz bei chronischen Schmerzen
Ich schreibe normalerweise nur über Dinge, die belegt sind, nicht über fancy Theorien. Heute schon. Theorien haben einen schlechten Ruf.. zu abstrakt, nicht praxistauglich. Aber der Fehler liegt nicht in der Theorie. Der Fehler liegt darin, sie wie eine Regel zu behandeln. Eine Regel gibt dir eine Antwort, doch eine Theorie zwingt dich, selbst zu denken (Ich weiß, es ist oftmals anstrengend). Aber genau deshalb wachsen Gedanken manchmal schneller durch eine unfertige Theorie als durch eine bewährte Best Practice Lösung. Also: Lets go. Wir wissen mittlerweile, dass chronischer Schmerz kein Defekt im Gewebe ist. Eine neue Theorie, die Impräzisions-Hypothese, aus der Schmerzforschung legt nahe, dass es nicht nur darauf ankommt, was schmerzt, sondern wie präzise das Gehirn den schmerzhaften Moment oder die schmerzhafte Bewegung abgespeichert hat.
Hintergrund: Warum wird Schmerz chronisch?
Chronischer Schmerz gehört zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Die Kosten für westliche Gesundheitssysteme sind vergleichbar mit Diabetes und Krebs zusammen, und trotzdem wissen wir nach wie vor erstaunlich wenig darüber, warum manche Menschen nach einer Verletzung chronische Schmerzen entwickeln und andere nicht. Weder die Art der Verletzung noch Persönlichkeit, Beruf oder genetische Faktoren erklären das zuverlässig (ein paar Lifestyle- und psychosoziale Faktoren schon). Selbst intensive und millionenschwere Forschung in der Genetik liefert bisher keine befriedigenden Antworten.
Eine neue Hypothese, die sogenannte Impräzisions-Hypothese, schlägt einen anderen Erklärungsweg vor. Sie basiert auf einem klassischen Prinzip der Lernforschung und stellt eine These auf, die so einfach wie radikal klingt: Schmerz ist nicht nur ein Reiz, sondern auch eine Reaktion. Und wie stark diese Reaktion generalisiert, hängt davon ab, wie präzise das Gehirn den ursprünglichen Schmerzmoment enkodiert hat. What? Wie präzise? Ich dachte, wir wollen den Schmerz schnell wegbekommen, und ihn nicht noch besser kennenlernen?
Schmerzmechanismus: Lernen statt lindern
Um die Hypothese zu verstehen, hilft ein kurzer Blick auf die Grundlagen. Schmerz und Nozizeption, also die reine Aktivierung von afferenten sensorisch-diskriminativen Nervenfasern, sind nicht dasselbe. Schmerz ist eine bewusste Erfahrung, die immer durch kognitive, emotionale und kontextuelle Faktoren beeinflusst wird. Das ist keine neue Erkenntnis, aber sie hat weitreichende Konsequenzen. Die Impräzisions-Hypothese greift das klassische Konditionieren nach Pawlow auf und überträgt es auf Schmerz. Der nozizeptive Input, also das, was im Körper tatsächlich Schmerzsignale erzeugt, ist der unkonditionierte Reiz. Die Sinneseindrücke, die gleichzeitig mit dem Schmerz auftreten (eine bestimmte Bewegung, eine Körperhaltung, ein Geräusch, eine Situation), werden zum konditionierten Reiz. Mit der Zeit lernt das Gehirn: Diese Bewegung bedeutet Schmerz. Und dann feuert es Schmerz auch dann, wenn gar keine Gewebsschädigung mehr vorliegt. So die Idee.
Das klingt zunächst nach einem Fehler des Systems. Ist es aber nicht, zumindest nicht anfangs. Eine gewisse Generalisierung ist biologisch sinnvoll, denn sie schützt uns, indem sie ähnliche Situationen mit Vorsicht markiert. Stichwort Evolution und Überleben. Das Problem entsteht, wenn diese Generalisierung zu weit geht und das Gehirn immer mehr funktionell unbedenkliche Bewegungen und Reize als gefährlich einstuft.
Was bedeutet „impräzises Enkodieren“ und wie erkenne ich es?
Hier wird es für die therapeutische Praxis konkret. Wenn das Gehirn einen schmerzhaften Moment unscharf abspeichert, also ohne genaue räumliche, zeitliche und propriozeptive Einordnung, dann kann es diesen Moment schlecht von ähnlichen Situationen unterscheiden. Das Resultat: Der Schmerz breitet sich auf immer mehr Auslöser aus. (Nochmal: Theorie!)
Klinisch zeigt sich das in bekannten Phänomenen; reduzierte taktile Diskriminationsfähigkeit im Schmerzbereich, schlechtere Propriozeption, veränderte Körperschemata sowie Schwierigkeiten, sich die schmerzende Körperregion mental vorzustellen oder zu bewegen (Ok, an der Theorie könnte was dran sein). Menschen mit chronischem Schmerz beschreiben häufig, dass sie gar nicht mehr genau sagen können, was den Schmerz auslöst. „Alles tut weh“ oder „Ich weiß nie, wann es kommt.“ Das ist kein Zeichen von Simulation. Das ist Impräzision.
Als Therapeut lohnt es sich also, gezielt danach zu fragen: Kann die Person die auslösende Bewegung oder Situation genau beschreiben? Hat sie ein klares Körpergefühl für den betroffenen Bereich? Wie gut kann sie zwischen schmerzhaften und nicht schmerzhaften Bewegungen unterscheiden? Diese Fragen geben einen ersten Hinweis darauf, wie präzise oder eben wie unscharf das „Schmerzgedächtnis“ strukturiert ist.
Therapeutische Ansätze: Präzision üben
Die Hypothese dreht einen therapeutischen Grundsatz um. Statt bei Schmerz primär abzulenken oder zu betäuben, geht es darum, dem Gehirn zu helfen, den Schmerzmoment präzise zu enkodieren. Was bedeutet das konkret? Es geht darum, Aufmerksamkeit nicht zu vermeiden, sondern gezielt und differenziert einzusetzen (finde ich ultra spannend!).
Sensorisches Training kann helfen, die taktile Diskriminationsfähigkeit im betroffenen Bereich zu verbessern, zum Beispiel durch Zwei-Punkt-Diskriminationstraining oder Graded Motor Imagery. Propriozeptive Übungen schärfen das Körpergefühl und helfen der Person, ihre eigene Bewegung wieder differenzierter wahrzunehmen. Räumliche Aufmerksamkeit, also das bewusste und ruhige Erkunden, was genau wo passiert, kann ebenfalls dazu beitragen, eine schärfere neuronale Repräsentation des Schmerzgeschehens aufzubauen. (Klar, das geht nicht bei Jedem. Besonders schwer bei jenen, die bereits ein Checking-Behavior haben. Aber auch da: Ich habe aktuell einen Vorzeigepatienten. Starker Fokus auf Schmerz. Starke Sensibilisierung. Augeprägtes Checking-Behavior. Da würde Enkodieren erstmal paradox erscheinen. Aber Enkodieren scheint hier etwas Struktur ins chaotische Checken zu bekommen..)
Wichtig dabei: Das bedeutet nicht, Patientinnen und Patienten in den Schmerz hineinzuschicken oder ihn zu erzwingen. Es geht um eine graduierte, achtsame Annäherung an Bewegung und Körperwahrnehmung, ähnlich wie beim motorischen Lernen, wo Präzision durch Wiederholung und Aufmerksamkeit entsteht. Das kann man dann ruhig auch so kommunizieren.
Fazit: Schöne Gedanken, auf denen man aufbauen kann
Die Impräzisions-Hypothese ist kein fertiges Therapieprotokoll. Sie ist ein theoretischer Rahmen, aber ein besonders produktiver. Denn sie verbindet gut etablierte Erkenntnisse aus der Lernforschung mit klinischen Beobachtungen, die bisher schwer zu erklären waren: Warum weitet sich Schmerz aus? Warum hilft klassische Analgesie oft so wenig? Warum zeigen Menschen mit chronischem Schmerz körperschematische Veränderungen, obwohl kein peripheres Defizit vorliegt?
Für die therapeutische Praxis bedeutet das vor allem eines: ein neues Zuhören. Nicht nur nach dem „Was“ des Schmerzes fragen, sondern nach dem „Wie genau“. Wie genau ist die Person in der Lage, ihren Körper, ihre Bewegungen und ihre Schmerzauslöser wahrzunehmen? Diese Differenzierungsfähigkeit könnte ein entscheidender Schlüssel sein. Und das Schöne daran: Sie ist trainierbar. Zum Beispiel mit Bewegung, bewusster Wahrnehmung oder sensorischem Diskriminations-Training (SDT).
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