Fehler im evidenzbasierten Ansatz? Schmerz ist ein Gefühl und wir wollen alles objektivieren.
Ich liebe Daten. Das vorweg, damit kein Missverständnis entsteht. Wer meine Beiträge kennt, weiß, dass ich nicht derjenige bin, der Evidenz klein redet. Aber genau deshalb beschäftigt mich ein blinder Fleck, den ich im evidenzbasierten Denken immer wieder beobachte, und der in der Praxis zu echten Problemen führt. Schmerz ist ein Gefühl. Und Gefühlen tritt man nicht mit Fakten entgegen.
Das kennst du aus deinem eigenen Leben
Stell dir vor, dein Partner oder deine Partnerin sagt: „Ich bin gerade total überfordert.“ Und du antwortest mit: „Naja, objektiv gesehen ist das ja gar nicht so viel Arbeit. Vor drei Monaten hattest du deutlich mehr zu tun und warst nicht so überfordert.“ Was passiert? Es knallt. 😂
Oder der Lieblingsbecher fällt runter und geht kaputt. Du sagst: „Man stirbt ja nicht davon, und rückgängig machen kann man es eh nicht mehr.“ Alles richtig. Alles rational. Und trotzdem hast du danach den Streit. Weil das eben nicht der Moment für Rationalität war. Das ist ein Timing-Fehler. Rationale Antworten auf Gefühlsäußerungen erzeugen beim Gegenüber das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Und aus diesem Gefühl heraus entsteht Unverständnis, manchmal auch Widerstand oder Rückzug.
Und jetzt zurück in die Praxis
Jemand liegt auf der Liege und sagt: „Das tut Hölle weh.“ Was ist das? Eine Zahl? Ein Befund? Eine objektiv messbare Größe? Nein. Das ist ein Gefühl mit Kontext. Mit Erfahrung. Mit vielleicht Angst dahinter, oder Frust, oder der langen Geschichte, dass niemand bisher wirklich zugehört hat.
Wir nutzen Schmerzskalen von 0 bis 10, und das hat seinen Platz. Aber wenn jemand sagt „Das ist eine 15 von 10″, dann ist das kein Fehler in der Anwendung der Skala. Das ist ein Mensch, der dir etwas mitteilen will, das in keine Zahl passt. Er will damit sagen: „Das übersteigt alles, was ich beschreiben kann.“ Und wenn wir in diesem Moment mit einer Erklärung antworten, warum es definitionsgemäß keine 15 geben kann, haben wir genau das getan, was im Partnerstreit mit dem Becher auch nicht funktioniert hat.
Warum uns das so schwer fällt
Wir sind ausgebildet worden, zu analysieren. Zu messen. Einzuordnen. Das ist wertvoll und richtig, nur leider nicht im ersten Moment.
Das Gehirn unserer Patienten unterscheidet nicht sauber zwischen dem, was wir sagen, und dem, wie wir es sagen. Wenn jemand Schmerz empfindet, ist das Nervensystem in einem Zustand erhöhter Aktivierung. In diesem Zustand ist die Aufnahmebereitschaft für rationale Informationen deutlich eingeschränkt. Das ist Physiologie, keine Schwäche. Was in diesem Moment zählt, ist das Gefühl, dass jemand da ist. Dass jemand zuhört. Dass das, was gerade erlebt wird, ernst genommen wird, ohne sofort bewertet oder korrigiert zu werden.
Empathie ist mehr als ein Nice-to-have
Hier ist der Punkt, der mir wirklich wichtig ist: Empathie im therapeutischen Kontext ist kein Soft Skill, den man dann einsetzt, wenn gerade Zeit ist. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass alles andere überhaupt wirken kann. Ohne Vertrauen, ohne das Gefühl des Patienten, wirklich gesehen zu werden, prallt die beste wissenschaftliche Erklärung ab. Nicht weil der Patient nicht verstehen will, sondern weil das Nervensystem in einem Zustand emotionaler Aktivierung schlicht nicht optimal für neue Informationen zugänglich ist.
Erst kommt der Mensch. Dann kommt die Methode. Und damit meine ich nicht, dass Rationalität keinen Platz hat, ganz im Gegenteil. Sie ist extrem wichtig. Aber sie wirkt erst dann, wenn sie auf einen Boden trifft, der dafür vorbereitet ist, auf Verständnis, auf Vertrauen, auf das Gefühl: „Ich werde hier ernst genommen.“
Die Forschung bestätigt das. Moudatsou et al. (2020) zeigen in ihrem Review, dass Fachkräfte im Gesundheitsbereich mit ausgeprägter Empathie deutlich wirksamer darin sind, therapeutische Veränderungen anzustoßen, weil Patienten sich sicher genug fühlen, ihre eigentlichen Gedanken und Probleme offen anzusprechen. Empathie umfasst dabei drei Dimensionen: eine emotionale, eine kognitive und eine verhaltensbezogene. Alle drei zusammen machen den Unterschied, ob jemand wirklich ankommt beim Patienten oder eben nicht.
Empathie wirkt Neurobiologisch
Und was dahinter steckt, ist inzwischen auch neurobiologisch gut belegt. Zhou et al. (2025) haben in einem umfangreichen Scoping Review 50 Studien zum Thema Schmerzempathie bei Ärzten, Pflegekräften und Patienten ausgewertet. Was dabei besonders deutlich wird: Schmerzempathie ist ein komplexes Zusammenspiel aus emotionalen und kognitiven Prozessen, das sich in konkreten Hirnregionen widerspiegelt, vor allem in der vorderen Insula, dem anterioren zingulären Kortex (ACC) und der Amygdala. Noch interessanter für die klinische Praxis ist ein anderer Befund aus dieser Arbeit: Wenn Patienten mit chronischen Schmerzen mit empathischen Behandlern interagierten, sank die wahrgenommene Schmerzintensität messbar, und zwar gleichzeitig mit einer erhöhten Aktivität in Hirnarealen, die mit emotionaler Regulation und sozialer Verbindung zusammenhängen. Mit anderen Worten: Empathie verändert nicht nur das Erleben, sie verändert die Neurobiologie des Schmerzes. Zudem zeigt die Übersichtsarbeit, dass Pflegekräfte mit gezieltem Training in Schmerzempathie deutlich höhere Empathiewerte erreichen als solche ohne, was unterstreicht, dass diese Fähigkeit erlernbar ist und aktiv gefördert werden sollte.
Fazit
Wenn jemand sagt, dass der Schmerz unerträglich ist, dann ist der erste Satz kein Erklärungsangebot. Der erste Satz ist eine Anerkennung. „Das klingt wirklich belastend. Erzähl mir mehr davon.“ Stichwort Validierung. Danach kommt Raum. Danach kommt Fragen. Danach, wenn Vertrauen entstanden ist, kommt Einordnung, Edukation, Evidenzzitation meinetwegen. Diese Reihenfolge ist nicht verhandelbar, wenn wir wollen, dass das, was wir wissen, auch wirklich ankommt. Schmerz ist eine menschliche Erfahrung. Und die beginnt damit, dass jemand zuhört. Wenn das bei dir etwas ausgelöst hat, schreib mir gern. Ich freue mich auf den Austausch. Und vergiss nicht, dich für den Newsletter anzumelden. 👇🏼
Melde dich hier an und erhalte regelmäßig Blogartikel automatisch per Mail zugeschickt.
- kostenlos
- werbefrei
- regelmäßig
