Der Kampf der Konzepte – warum wir Therapeuten uns selbst im Weg stehen
Ein Weihnachtsplädoyer für weniger Egos und mehr Evidenz, Gemeinschaft und Nächstenliebe: Der Fortbildungsmarkt gleicht mittlerweile einem Schlachtfeld. Jeder kämpft dafür, seine Methode, sein Konzept, seine Identität zu verteidigen. Mobilty-Coaches versprechen neue Freiheitsgrade, Osteopathen heilen „ganzheitlich“, Chiropraktiker „richten“ dich ein, Pain-Educators „erklären“ dir deine Schmerzwahrnehmung – und irgendwo dazwischen steht der Patient, der sich fragt: „Ähm… ist hier irgendjemand für mich zuständig?“. Wir übersehen dabei eine entscheidende Frage: Was, wenn wir weniger darüber nachdenken sollten, welches Konzept Recht hat – sondern wie Schmerz entsteht, wie er chronifiziert und welche Mechanismen ihn beeinflussen? Ganz unabhängig davon, welches Etikett wir uns selbst auf die Brust kleben.
Konzeptidentität: Warum wir uns so sehr über Bezeichnungen definieren
„Ich mache nach Kaltenborn!“
„Ich arbeite craniosakral.“
„Ich bin Hands-off-Therapeut.“
„Ich arbeite nach CFT.“
„Osteopathie behandelt die Ursache!“
„PNE ist der Shit!“
Klingt vertraut?
Jede neue Fortbildung hat das Potenzial, uns einen neuen Titel zu verschaffen, der uns irgendwie wichtiger, spezialisierter, exklusiver erscheinen lässt.
Das Problem? Wir knebeln uns damit selbst.
Ein Konzept ist kein Gesetz. Keine Religion. Kein Naturgesetz.
Trotzdem verhalten wir uns manchmal so, als seien Aussagen wie „Nach Kaltenborn ist das so…“ in Stein gemeißelt. Und das Denken und Hinterfragen hört auf.. Ohne Witz: Wie oft habe ich auf Fobis gehört „Ja Maitland macht das so.“ oder „Cyriax sagt, dass man in diesen Fällen das so macht.“ Und danach wird halt einfach irgendetwas gesagt oder gezeigt, man übt es und weiter geht’s. Eine Farce!
Diese Selbstetikettierung führt unweigerlich zu:
- therapeutischer Verengung
- selbstauferlegten Grenzen
- und einer Ellenbogengesellschaft, in der jeder versucht es besser zu machen
Dabei sollten wir uns eigentlich vereinen – auf Basis von Evidenz, Expertenkonsens und gemeinsamer Erfahrung. Stattdessen spalten wir uns in Lager.
Eine systemische Betrachtung
Aus wissenschaftssoziologischer Sicht erleben wir hier ein klassisches Phänomen: Professionelle Identität wird nicht über Kompetenzen definiert, sondern über Gruppenzugehörigkeit. Thomas Kuhn beschrieb dies in seiner Wissenschaftstheorie als „Paradigmenkämpfe“ – nur dass es in unserem Fall keine Paradigmen sind, sondern Marken.
Die heutige Praxis führt zu einem fragmentierten Gesundheitssystem, in dem Wissenstransfer blockiert wird, interdisziplinäre Zusammenarbeit erschwert wird und Ressourcen verschwendet werden. Für Patienten bedeutet das: Sie landen in einem Dschungel widersprüchlicher Botschaften, werden zwischen Therapeuten hin- und hergeschickt und verlieren das Vertrauen in die Profession insgesamt. Gleichzeitig entstehen Informationssilos – wertvolles Erfahrungswissen bleibt in Konzeptblasen gefangen, statt kollektiv nutzbar zu werden.
Ökonomisch betrachtet führt dieser Grabenkampf zu Marktverzerrungen: Nicht die beste Evidenz setzt sich durch, sondern das beste Marketing. Und gesellschaftspolitisch? Wir verlieren Glaubwürdigkeit als Heilberufe, wenn wir uns wie konkurrierende Sekten verhalten, statt wie eine wissenschaftliche Community, die nach Wahrheit sucht.
Die Falle der Einzelfälle: Wenn persönliche Anekdoten zu Dogmen werden
Es passiert schneller als man denkt:
Ein Patient spricht sensationell auf eine Methode an – und plötzlich ist diese Methode „das Ding“.
„Osteopathie hat schon so viele Wunder bei mir bewirkt!“
Doch halt.
Wirklich wegen der Methode?
Oder war es…
- natürliche Heilung?
- verändertes Verhalten?
- ein Placeboeffekt?
- eine zufällige Besserung?
- das Vertrauen zum Behandler?
Wir überschätzen die Kausalität und unterschätzen die Komplexität. So entsteht Konzeptfanatismus. Das ist zwar teilweise menschlich – aber es macht uns blind. Und es lässt uns zu Missionaren werden, die unbedingt beweisen wollen, dass ihr Konzept das einzig Wahre ist.
Pseudo-Holismus
Chiropraktiker, Osteopathen, Personal Trainer, Mobility-Coaches, PNE-Educators – jede Gruppe, falls man sie überhaupt als solche benennen darf, bewirbt ihren Ansatz als „ganzheitlich“, „fundiert“, „ursachenorientiert“ oder „transformativ“.
Aber viele dieser Ansätze – so gut gemeint sie sind – transportieren unterschwellig folgende Botschaft: Der Körper ist fragil. Zerbrechlich. Leicht verschiebbar.
„Der Fußwurzelknochen war blockiert, jetzt ist die Hüfte wieder frei.“
„Der Atlas war verschoben, jetzt fließt die Energie besser.“
„Die Faszie war verklebt, jetzt gleitet alles wieder.“
Wie haben wir als Spezies eigentlich überlebt, wenn die kleinste „Blockade“ unsere gesamte Biomechanik zusammenbrechen lassen kann? Werden wir wirklich so instabil geboren?
Diese Form des „Holismus“ ist oft eher Pseudo-Holismus:
Er erzählt die Geschichte eines fragilen Menschen – nicht eines robusten.
Ein Plädoyer für wissenschaftliche Hygiene (keine Angst, die tut nicht weh)
Was wäre, wenn wir alle folgenden Satz verinnerlichen würden:
„Ich passe meine Methoden individuell an den Menschen an.“
Keine Konzeptreligion. Keine Selbstlabeling. Keine Identitätskämpfe. Mit dem besten Mix aus allen Konzepten. Nicht ALLES aus allen Konzepten. Sondern das BESTE aus allen Konzepten. Und wer entscheidet, was das Beste ist? -> Evidenz: Externe (Studien) und Interne (Erfahrungen). Beides zusammen – nicht gegeneinander.
Wissenschaft ist kein Feind. Sie nimmt uns nichts weg. Sie ordnet lediglich ein: 1. Was ist wahrscheinlich? 2. Was ist weniger wahrscheinlich? 3. Was ist komplett aus der Luft gegriffen? Lasst uns aufhören, Wissenschaft als Bedrohung zu sehen – und anfangen, sie als Werkzeug zu begreifen. Ein Werkzeug, das uns mündig macht, verbindet und Patienten schützt. Strukturell bräuchten wir interdisziplinäre Plattformen, auf denen Therapeuten verschiedener Richtungen gemeinsam Fälle diskutieren könnten (uns das offen, ohne Angst zu haben etwas Falsches zu sagen, aber auch ohne Angst, dass das Kritisieren oder Contra-Geben einer vorgeschlagenen Methode auf Unverständnis stößt und zu noch mehr Abgrenzung führt), Methoden evaluieren und voneinander lernen – ohne Ellenbogenmentalität. GEMEINSAM.
Aus Patientensicht würde das bedeuten: Klarere Kommunikation, konsistentere Behandlungsempfehlungen und weniger Verwirrung im Therapiedschungel. Therapeuten würden profitieren durch: höhere Behandlungsqualität (weil sie auf ein breiteres Methodenspektrum zurückgreifen), mehr berufliche Zufriedenheit (weniger Rechtfertigungsdruck) und gestärkte Glaubwürdigkeit nach außen. Gesellschaftlich würde das Gesundheitssystem effizienter, weil Doppelbehandlungen abnehmen und Ressourcen gezielter eingesetzt werden. Und wissenschaftlich? Wir würden endlich das tun, was Wissenschaft ausmacht: Hypothesen testen, Irrtümer korrigieren, gemeinsam praktikables Wissen aufbauen – statt in ideologischen Schützengräben zu verharren.
Fazit: Von den Gelenkstellungs-Detektiven und Konzeptkriegern zu den progressiven Mutmachern:
Wir haben alle dieselben Ziele:
- weniger Schmerz
- mehr Funktion
- mehr Selbstwirksamkeit
- mehr Menschlichkeit
- mehr Klarheit statt Mythen
Also:
- weniger Konkurrenz
- mehr Kooperation
- weniger Dogma
- mehr Evidenz
- weniger Konzeptkriege
- mehr therapeutische Nächstenliebe
Wir sind keine Feinde. Wir sind ein Team. Für unsere Patienten – und für unseren Beruf.
Und vielleicht erinnert uns Weihnachten genau daran: Dass wir nicht heilen, indem wir Konzepte verteidigen – sondern indem wir Menschen helfen. Dass wir nicht wachsen, indem wir uns abgrenzen – sondern indem wir uns verbinden. Und dass echte Nächstenliebe bedeutet, den anderen nicht als Konkurrenz zu sehen, sondern als Mitstreiter im selben Auftrag.
Frohe Weihnachten – und auf ein gemeinsames, evidenzbasiertes, menschliches neues Jahr. 🎄✨
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