24/11/2025| Ahura Bassimtabar

 Rethink Edukation  Leiden Therapeuten unter einem Erklärungswahn? 

Edukation steht mittlerweile in jeder Leitlinie. Sie gilt als das Fundament moderner, evidenzbasierter Therapie. Doch irgendwo zwischen Schmerzphysiologie-Vorträgen, Biopsychosozialem Modell und der x-ten Erklärung über Neuroplastizität haben wir vergessen, eine entscheidende Frage zu stellen: Hat uns eigentlich jemand darum gebeten? Und wenn nicht, und wir trotzdem gerne Edukation machen möchten. Ist das der richtige Zeitpunkt? Und: Offende ich mein Gegenüber nicht? Words make Worlds. Wir sollten aufpassen, nicht in der Rolle eines Lehrers aufzutreten.

Edukation ≠ Belehrung: Der feine Unterschied

Während wir mit bestem Wissen und Gewissen aufklären, belehren und informieren, übersehen wir häufig das Offensichtliche: Nicht das WAS der Edukation scheitert – sondern das WIE. Und noch wichtiger: das WANN und das WARUM. Dieser Artikel ist ein Plädoyer dafür, Edukation nicht als Pflichtprogramm zu verstehen, sondern als Kunst – die Kunst, im richtigen Moment das Richtige zu sagen, ohne dabei zu belehren.

„Edukation ist so wichtig, Patienten sollte mehr über Schmerzmechanismen wissen“, höre ich oft von Therapeuten. Ja, das stimmt. Aufklärung ist Teil unserer Verantwortung. Doch hier liegt bereits der erste Denkfehler: Wir verwechseln Edukation mit einem Pflichtprogramm, das abgearbeitet werden muss. Die Realität sieht jedoch anders aus: Patienten sind in einem sensiblen und emotionalen Zustand, wenn sie zu uns kommen. Sie haben Schmerzen, sind verunsichert, vielleicht verängstigt oder frustriert. Das Letzte, was sie in diesem Moment brauchen, ist eine Vorlesung über Nozizeption und zentrale Sensibilisierung. Das Erste, was sie brauchen, ist Empathie – das Gefühl, gesehen und gehört zu werden.

Patienten möchten, dass man ihnen zuhört. Nicht, dass man ihnen erklärt, wie ihr Körper funktioniert. Nicht, dass man ihnen beweist, wie viel man selbst weiß. Sondern dass man ihre Geschichte versteht, ihre Sorgen ernst nimmt und ihnen das Gefühl gibt, nicht allein zu sein. Erst wenn diese emotionale Basis geschaffen ist, öffnet sich ein Raum für Edukation – und selbst dann muss sie dosiert, individuell und vor allem nicht belehrend erfolgen.

Der Unterschied zwischen Edukation und Belehrung liegt im Timing, in der Haltung, in der Absicht und in der Sprache. Nicht ganz easy. Belehrung kommt von oben herab, ist standardisiert und verfolgt die Agenda des Therapeuten. Edukation hingegen ist ein Dialog, ist situativ angepasst und folgt den Bedürfnissen des Patienten. Edukation öffnet neue Türen – Belehrung schließt alte.

Warum Standard-Edukation nicht funktioniert

Wir kennen das alle: Der Patient nickt höflich, lächelt, sagt „Aha, interessant“ – und in Wahrheit hat er innerlich längst abgeschaltet. Standard-Edukation nach Schema F erzeugt Gähnanfälle, keine Erkenntnisse. Die Patienten nicken zwar und lächeln, aber häufig nicht, weil sie etwas mitgenommen haben, sondern aus Höflichkeit. Sie wollen uns nicht vor den Kopf stoßen, also spielen sie mit – während die Information an ihnen abprallt wie Regen an einer Regenjacke.

Das Problem liegt nicht am Inhalt, sondern an der Vermittlung. Wenn wir jeden Patienten mit denselben Erklärungen, denselben Metaphern und denselben Studienverweisen konfrontieren, ignorieren wir das Wichtigste: die individuelle Geschichte. Damit es wirklich individuell werden kann, müssen wir zwischen den Zeilen gut zuhören, um den Menschen und seine Geschichte besser zu verstehen. Denn wenn du die Glaubenssätze und die Überzeugungen des Patienten nicht kennst, weißt du nicht, wo du ansetzen musst.

Ein Patient, der glaubt, seine Bandscheibe sei „kaputt“ und jede Bewegung gefährlich, braucht eine andere Ansprache als jemand, der überzeugt ist, nur noch eine Operation könne helfen. Ein Patient, der Angst vor Schmerzen hat, braucht andere Worte als jemand, der vor allem frustriert ist, weil nichts zu helfen scheint. Edukation, die nicht auf diesen individuellen Kontext eingeht, ist verschwendete Zeit – für beide Seiten. Deshalb sollten wir keine strukturierten Standard-Edukationsprogramme abspulen, sondern individuell zugeschnittene Edukations-Nuggets anbieten. Kleine, präzise, dosierte Informationshäppchen, die genau dann kommen, wenn der Patient bereit ist, sie aufzunehmen – und die genau das adressieren, was für ihn gerade relevant ist.

2 minütiger-Exkurs (die Zeit läuft): Ich erinnere mich an einen Patienten, der extrem angstvermeidend war. Ich kam mit ihm sehr gut aus. Viele unterschiedliche Versuche, ihn wieder in Bewegung zu bekommen – mit Modifikationen, Anpassungen, kleinen Schritten – fruchteten nicht. Er war schlicht nicht bereit, gewisse Bewegungen auch nur im Ansatz auszuführen. Ihm fehlte quasi der erste Schritt. Ich war mir ziemlich sicher: Wenn dieser erste Schritt passiert, kann er wieder Vertrauen in seinen Körper gewinnen durch kleine Erfolgserlebnisse. Doch anstatt einen Vortrag über die Nachteile von Angstvermeidungsverhalten zu halten und ihn zu blamen, hatte ich mitten in der Therapie einen Moment, in dem ich mich seinem Gemütszustand anpasste. Ich schaute ihm tief in die Augen, wurde relativ traurig und sagte leise, fast resigniert: „Ja gut… was machen wir jetzt? Bis zum Lebensende den Rücken so starr halten und nie mehr bücken?“ Meine Sorge war echt, meine Enttäuschung spürbar. Das hat ihn berührt. Mehr als jede Erklärung hätte es tun können. Es brachte ihn dazu, sich auf Neues einzulassen bzw. es zumindest zu versuchen. Der erste Schritt eben. Einige Wochen später sagte er, dass er diese „Ohrfeige“ brauchte. Es war aber eigentlich nur ehrlich in diesem sehr persönlichen Moment.

Von der Sonne lernen: Warum wir Patienten nicht überzeugen können

Es gibt eine alte Fabel von Äsop, die unser therapeutisches Dilemma perfekt illustriert: Die Sonne und der Wind streiten darüber, wer stärker ist. Sie einigen sich auf einen Wettbewerb: Wer schafft es, einem Wanderer den Mantel auszuziehen? Der Wind bläst mit aller Kraft, zerrt am Mantel, wird immer stürmischer – doch der Wanderer hält seinen Mantel nur noch fester. Die Sonne hingegen scheint einfach warm und freundlich, bis der Wanderer von selbst seinen Mantel auszieht.

Diese Metapher ist Gold wert für unsere Arbeit. Wie oft versuchen wir, Patienten mit Fakten, Studien und Argumenten zu „überzeugen“? Wie oft konfrontieren wir sie mit ihren „falschen“ Überzeugungen und versuchen, ihnen zu beweisen, dass sie sich irren? Und wie oft stoßen wir dabei auf Widerstand, Sturheit oder Ablehnung? Der Grund ist einfach: Der Mensch denkt nicht rein logisch. Die meisten Menschen denken in Stereotypen, Glaubenssätzen und Vorurteilen – und niemand mag es, wenn man ihm beweist, dass er sich irrt. Das bedroht das Selbstwertgefühl. Und sobald wir das Selbstwertgefühl des Patienten angreifen, ist es egal, wie richtig der Inhalt unserer Argumente ist – wir stoßen auf Widerstand und Reibung. Der Patient wird stur, verteidigt seine Position, macht dicht. Das ist normal. Das ist menschlich.

Die Lösung? Wir müssen aufhören, der Wind zu sein. Stattdessen sollten wir die Sonne sein: Wärme geben, Vertrauen schaffen, Raum öffnen. Gib den Patienten ihren „Purpose“ – ihren eigenen Grund ihre Überzeugungen zu hinterfragen. Diktiere nicht die Handlung, sondern schaffe die Bedingungen, unter denen sie von selbst bereit sind, ihren Mantel – sprich: ihre alten Überzeugungen – abzulegen.

Konkret bedeutet das: Anstatt zu sagen „Ihre Bandscheibe ist nicht kaputt, das ist nur eine Degeneration, die jeder hat“, könnten wir fragen: „Was würde es für Sie bedeuten, wenn Ihre Bandscheibe gar nicht das Hauptproblem wäre?“ Anstatt zu erklären: „Schmerz kommt nicht nur aus dem Gewebe“, könnten wir sagen: „Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Ihr Rücken an manchen Tagen mehr schmerzt als an anderen – obwohl Sie die gleichen Bewegungen machen?“

Wir pflanzen Samen. Wir stellen Fragen. Wir laden ein, selbst nachzudenken. Wir sind nicht die Besserwisser, sondern die Begleiter auf einer Entdeckungsreise.

Die Evidenz hinter der Edukation: Was wirkt wirklich?

In den letzten Jahren hat sich die Forschung intensiv mit der Frage beschäftigt, wie wirksam Edukation tatsächlich ist. Die Ergebnisse sind ernüchternd – und zugleich aufschlussreich. Lorimer Moseley und Kolleginnen, die zu den führenden Köpfen der Schmerz-Edukationsforschung gehören, zeigen in mehreren Arbeiten: Ja, Edukation wirkt – allerdings mit eher geringen bis moderaten Effektstärken, wenn sie isoliert angewendet wird.

Das bedeutet: Aufklärung über Schmerzprozesse, über das biopsychosoziale Modell oder über Neuroplastizität kann das Verständnis und die Haltung der Patienten verändern. Sie kann Angst reduzieren, Hoffnung aufbauen und die Bereitschaft schaffen, aktiv zu werden. Doch für eine spürbare klinische Verbesserung – für weniger Schmerzen, mehr Funktion, bessere Lebensqualität – braucht es meist mehr: eine Kombination mit aktiven Interventionen wie Bewegung, Training, manueller Therapie oder Verhaltenstherapie. Edukation ist also kein Allheilmittel. Sie ist nicht „die beste Therapie gegen alle Beschwerden“. Sie ist ein entscheidender Türöffner. Sie legt das Fundament für Veränderung – aber das Haus wird durch Bewegung, Aktivität und Selbstwirksamkeitserfahrungen gebaut.

Und genau hier liegt die Crux: Wir dürfen nicht den Fehler machen, in einen Erklärungswahn zu verfallen. Wir dürfen nicht glauben, dass mehr Erklärung automatisch zu besseren Ergebnissen führt. Im Gegenteil: Zu viel Edukation zur falschen Zeit kann überwältigen, verwirren oder sogar schaden. Erklärungen sollten punktuell eingebaut werden, lösungs- und potenzialorientiert sein – und nicht darauf ausgerichtet, besser als die Patienten über ihren Körper Bescheid zu wissen.

Edukation für Therapeuten vs. Edukation für Patienten: Der entscheidende Unterschied

Hier wird es spannend – und vielleicht auch etwas provokant. Denn während wir uns als Therapeuten ständig weiterbilden, Studien lesen, Fortbildungen besuchen und unser Wissen schärfen, müssen wir uns eine fundamentale Frage stellen: Gilt für unsere Patienten dasselbe?

Die Antwort lautet: Nein.

Für uns Therapeuten? Klare Sache: permanente Weiterbildung gehört zu unserem Handwerk. Wir brauchen systematische, intensive Auseinandersetzung mit neuen Erkenntnissen – das ist der Preis dafür, evidenzbasiert und auf aktuellem Stand arbeiten zu können. Für uns ist lebenslanges Lernen nicht optional, sondern Berufsethos.

Für unsere Patienten? Hier gilt ein völlig anderes Prinzip. Wissen muss ankommen, nicht vollständig sein. Es geht um bedarfsgerechte Impulse statt chronologische Wissensvermittlung. Um Aufklärung, die sich am individuellen Tempo orientiert und nie voraussetzt, dass jeder Patient zum Experten seiner eigenen Pathophysiologie werden muss. Manchmal reicht ein Satz zur richtigen Zeit mehr als eine perfekt strukturierte Erklärung zum falschen Moment.

Dieser Unterschied ist entscheidend. Wir Therapeuten lernen systematisch, weil das unser Beruf ist. Unsere Patienten kommen nicht zu uns, um zu lernen – sie kommen, um Hilfe zu bekommen. Sie wollen nicht in Schmerzphysiologie unterrichtet werden, sondern wieder schmerzfrei ihren Alltag leben. Und wenn ein bisschen Wissen dabei hilft, dieses Ziel zu erreichen – perfekt. Wenn nicht, dann nicht. Die Kunst liegt nicht darin, alles zu erklären – sondern das Richtige zum richtigen Zeitpunkt. Nicht mehr, nicht weniger.

Weniger ist manchmal mehr: Die Dosis macht das Gift

Genau wie beim Testen (siehe meinen Blog-Artikel über Testwahn) sollten wir uns auch bei der Edukation kritisch fragen: Was bezwecke ich damit? Ist sie notwendig? Bringt sie etwas? Schadet sie vielleicht sogar? Häufig edukieren wir (sagt man das so?), um den Anschein zu erwecken, wir würden uns kümmern, irgendetwas abarbeiten oder einer Sache auf der Spur sein. Edukations-Mode on! Doch wenn wir ehrlich sind: Ein großer Teil unserer Edukation ist entweder komplett unnötig oder wird zur falschen Zeit, im falschen Ton oder mit falschen Ableitungen durchgeführt.

Manchmal ist weniger tatsächlich mehr. Das bedeutet nicht, dass wir überhaupt nicht mehr edukieren sollten (ich hoffe wirklich, man sagt es so :D) – aber wir sollten uns in der grauen Mitte zwischen Erklärungswahn und Edukationsabstinenz ansiedeln. Wir sollten sensibel sein für die Signale unserer Patienten: Wollen sie gerade etwas wissen? Sind sie offen für Informationen? Oder brauchen sie in diesem Moment einfach nur Zuwendung, Bewegung oder das Gefühl, dass sich etwas tut?

Die Dosis macht das Gift – und das gilt auch für Edukation. Zu viel Information überfordert, verwirrt und entmutigt. Zu wenig lässt Patienten im Dunkeln tappen. Die richtige Dosis ist individuell, situativ und erfordert ein feines Gespür für den Menschen vor uns.

Fazit: Für eine reflektierte Edukationskultur

Edukation bleibt ein wertvolles, unverzichtbares Instrument – wenn wir ihre Intention klar definieren und ihre Grenzen respektieren. Anstatt zwanghaft jeden Patienten mit Wissen zu bombardieren, sollten wir eine offene Haltung kultivieren: Edukation als Angebot, nicht als Pflicht. Als Dialog, nicht als Monolog. Als Türöffner, nicht als Allheilmittel. Die beste Edukation ist die, die nicht wie Edukation wirkt. Die sich organisch ins Gespräch einfügt, die Neugier weckt statt Langeweile, die Hoffnung aufbaut statt Angst zu schüren. Die nicht belehrt, sondern begleitet. Die nicht überzeugen will, sondern Raum schafft für eigene Erkenntnisse.

Unsere Erklärungen sollen dem Patienten dienen, nicht unserem Bedürfnis, als kompetent wahrgenommen zu werden. Eine reflektierte Edukationskultur bedeutet, die Komplexität menschlicher Erfahrung anzuerkennen und unsere Rolle als Begleiter statt als Belehrende zu verstehen. Nur so können wir vom Erklärungs-Fanatiker zum empathischen Therapeuten werden. Nur so wird Edukation zu dem, was sie sein sollte: nicht die beste Therapie gegen alle Beschwerden, sondern der intelligenteste Zusatz einer jeden guten Therapie.

Und vielleicht – nur vielleicht – sollten wir uns öfter die Frage stellen, die am Anfang stand: Hat uns eigentlich jemand darum gebeten? Wenn ja: großartig, lass uns edukieren (Google sagt, das Wort gibt es). Wenn nein: vielleicht sollten wir erst mal zuhören. Bis die Neugierde kommt.

Der nächste Artikel erscheint in 4 Wochen.  Das Thema weiß ich noch nicht – mal schauen, wohin mich meine Gedanken und Finger führen.

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