Rethink Testing 2/2: Leiden Therapeuten unter einem Testwahn?
Wichtig ist die Testintention, nicht das Testergebnis. „Wenn die Intention stimmt, ist jedes Ergebnis ein gutes.“ Ich liebe diesen Satz…wieso? Weil er von mir kommt. 😀 Testen wir, weil Tests eben dazu gehören? Nur, um nicht nichts getestet zu haben? Freuen wir uns manchmal zu früh über einen positiven Befund, nur um am Ende nicht mit leeren Händen dazustehen? Diese Fragen verdienen unsere Aufmerksamkeit – und das schreibt jemand, der Tests und deren Objektivierung zur Verlaufsdokumentation und Visualisierung von Prozessen liebt. Dennoch sollten wir das Testen, das Testergebnis und vor allem dessen Ableitung und Kommunikation kritisch hinterfragen. Was testen wir da eigentlich? Und wofür?
Die Testintention: Probleme verstehen oder Probleme erschaffen?
In der Ausbildung wird uns ein gewisser Druck vermittelt, etwas finden zu müssen. Wir lernen, dass wir Schmerzursachen identifizieren, Hypothesen aufstellen und durch möglichst viele Tests nah an diese herankommen sollten. Dementsprechend freuen wir uns, sobald wir eine Asymmetrie, einen Seitenunterschied oder eine Funktionsdifferenz entdecken und dieses vermeintliche Defizit labeln können. Diese Denkweise führt jedoch zu einem gefährlichen Testmanie-Phänomen: Patienten kommen mit einem Problem herein und gehen mit zehn Problemen wieder hinaus, weil wir so viel getestet und vermeintlich viele Probleme gefunden haben.
Diese Praxis entspricht der salutogenetischen Prinzip der Potenzialerkennung. Während wir lernen, Hypothesen aufzustellen und diese durch Tests zu falsifizieren, müssen wir uns immer die fundamentale Frage stellen: Welche Intention verfolgen wir mit dem Testen? Bringt uns dieser Test wirklich weiter, oder testen wir nur, um sagen zu können, dass wir getestet haben? Die Antwort auf diese Frage entscheidet darüber, ob wir unserem Patienten helfen oder schaden.
Die Subjektivität hinter den Zahlen
Darüberhinaus beruhen viele Tests auf Schmerzangaben, und sobald Schmerz der Parameter ist, wird die Aussagekraft fragwürdig. Hinter dem Schmerzwert des Patienten liegt oft nicht die adäquate Äußerung der Schmerzempfindung, sondern ein komplexes Geflecht beeinflusst durch soziale Erwünschtheit. Hinter einer 7/10 kann das Bedürfnis stecken, als hilfsbedürftig wahrgenommen zu werden, ein Problem zu haben, das Leiden zu unterstreichen oder das Bedürfnis, ernst genommen, gesehen und gehört zu werden – und nicht unbedingt die Intensität des Schmerzes oder des Gewebeschadens.
Wie können klinische Tests oder Fragebögen diese subjektive und persönliche Wahrheit erfassen? Durch standardisierte Verfahren lassen sich persönliche Erfahrungen, Gefühle und Überzeugungen nur schwer abbilden, geschweige denn definieren. Dennoch sollten sie darauf ausgerichtet sein, die Version des Patienten mit all seinen Facetten und Kontextfaktoren zu erheben – nicht nur oberflächliche Messwerte zu sammeln.
Das Konzept des verdeckten Testens
Die Schaffung einer „Testatmosphäre“ bedeutet Stress, und in Stresssituationen bewegen wir uns anders und nehmen auch Schmerz anders wahr. Der Test selber verfälscht also das Testergebnis. Hier kommt das Konzept des verdeckten Testens ins Spiel: Bewegungen und Übungen (die man eigentlich testen wollen würde) können im Rahmen eines Übungsprogramms eingebaut werde, ohne eine besondere Testatmosphäre zu kreieren. Beiläufig werden – natürlich vorher gut vorbereitet, aber nicht mit dem Patienten als Test kommuniziert – Daten erhoben und Beobachtungen getätigt werden. Auch Tests auf der Bank können nach diesem Prinzip verdeckt erfolgen. Das Gespräch mit dem Patienten wird fortgeführt, während bestimmte Tests durchgeführt werden. Erst wenn das Gespräch unterbrochen wird (motorische Reaktion, mimisch oder verbal), wissen wir, dass es sich um einen wirklich positiven Test handelt – nicht um eine Reaktion auf die Testsituation selbst. Dieser Ansatz reduziert die Verzerrung durch Erwartungshaltung und Stress erheblich. Falls keine Reaktion erfolgt, kann selbstverständlich nachgefragt werden, aber die Sensibilität für die stressinduzierende Wirkung einer formalen Testung sollte geschärft werden.
Wenn Tests nicht das testen, was sie vorgeben zu testen
Ein besonders problematisches Beispiel findet sich in der Schulterdiagnostik. Immer wenn es unzählige Tests für einen Bereich gibt, sollten wir hellhörig werden – denn offensichtlich scheint keiner dieser Tests wirklich überzeugend zu sein, sonst gäbe es nicht fünfzehn verschiedene Tests für die Rotatorenmanschette.
Eine Studie von Schmalzl und Kollegen (PMID: 34957983) illustriert diese Problematik eindrücklich: Sie folgern, dass ein GIRD (Glenohumerales Innenrotationsdefizit) ein begünstigender Faktor für Schulterimpingement sei. Man könnte meinen, sie hätten Schulterbeweglichkeit gemessen, GIRD festgestellt und mittels MRT den Abstand im subakromialen Raum quantifiziert. Doch die Realität sieht anders aus: Ein Innenrotationsunterschied von bereits 5° wird als GIRD kategorisiert, obwohl GIRD erst ab 20° definiert ist. Für die Impingement-Überprüfung dienten keine bildgebenden Verfahren, sondern Schmerzangaben bei zwei Tests – dem SLAP- und Jobe-Test. Der Jobe-Test prüft jedoch Supraspinatus-Dysfunktionen mit einer Spezifität von nur 62%, während der SLAP-Test Labrum- und Bizepssehnen-Pathologien erfasst. Beide Tests testen also nicht das, was sie eigentlich testen sollten. Selbst wenn ein Impingement valide getestet worden wäre: Impingement-Befunde kommen in schmerzhaften Schultern ebenso häufig vor wie in schmerzfreien. Man testet also mit nicht aussagekräftigen Tests etwas, was ohnehin nicht aussagekräftig ist. Voll in die Test-Falle reingefallen – ein Paradebeispiel für Testwahn auf höchstem Niveau. Ganz viel getestet, nichts ausgesagt. Super.
Schmerzfreiheit ≠ Funktion – und umgekehrt
Testungen können sowohl falsche Sicherheit als auch unbegründete Sorge erzeugen – je nachdem, wie sie interpretiert und kommuniziert werden. Schmerzfreiheit in spezifischen Tests garantiert nicht automatisch, dass Patienten im Alltag tatsächlich funktionsfähig sind. Umgekehrt bedeutet das Auftreten von Schmerzen in testinduzierten Endpositionen nicht zwangsläufig, dass noch ein therapeutischer Handlungsbedarf besteht. Zeigen sich in spezifischen Tests noch Schmerzen, obwohl Patienten im Alltag beschwerdefrei sind und alle funktionellen Therapieziele erreicht wurden, besteht die Gefahr, durch einen Fokus auf diese auffälligen Testungen einen falschen Eindruck von „Unvollständigkeit“ zu vermitteln. In solchen Fällen steht nicht das reale Belastungserleben, sondern die Reaktion auf eine künstlich erzeugte Testsituation im Fokus. Schmerz in endgradigen Positionen mag messbar sein, ist aber nicht zwangsläufig relevant für Alltag und Lebensqualität. Entscheidend ist der Abgleich mit dem, was wirklich zählt: Sind die gemeinsam definierten Ziele im Alltag, in der Funktion oder im Sport erreicht? Tests, die losgelöst von diesen Zielen durchgeführt werden, bergen das Risiko, entweder zu früh zu entwarnen oder zu spät loszulassen. Deshalb sollte weniger das Testergebnis im Zentrum stehen, sondern die dahinterliegende Intention – und die Frage: Was will ich mit diesem Test wirklich herausfinden? Eine testzentrierte Therapie verliert ihren Mehrwert, wenn sie vom eigentlichen Zweck – funktioneller und alltagsbezogener Verbesserung – ablenkt. Wenn sie sie aber ergänzt, wow, super!!
Die self-fulfilling prophecy des Testens
Ähnlich wie beim Re-Test, den wir im letzten Artikel diskutiert haben, unterliegen wir auch beim initialen Testen der Gefahr der Selbstbestätigung. Wenn wir mit der Intention testen, etwas finden zu müssen, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, auch etwas zu finden. Es gibt deutliche Indizien dafür, dass Bewegungen als auffällig und defizitär eingestuft werden, wenn der Therapeut weiß, dass der Patient Schmerzen hat.
Eine aufschlussreiche Studie (PMID: 28683230) zur Scapuladyskinesie zeigt: Wenn den Testern vorher mitgeteilt wurde, ob der Teilnehmer Schulterschmerzen hatte oder nicht, wurde in der Schmerzgruppe signifikant mehr Scapuladyskinesie beobachtet, obwohl sie vorher in einem anderen Setting, ohne den Manipulationshinweis „Der Patient hat Schmerzen.“ Weniger Dyskinesie beobachteten. Die Scapulakinematik war in beiden Gruppen gleich, aber die subjektive Inspektion durch die Therapeuten ergab in der symptomatischen Gruppe mehr vermeintliche Auffälligkeiten. Dies zeigt den enormen Einfluss von Voreingenommenheit und Erwartungshaltung auf Untersuchungsergebnisse.
Die Grenzen der Inspektion und Palpation
Studien, in denen visuelle Testergebnisse mit präzisen apparativen Methoden verglichen wurden, zeigen, dass visuelle Beurteilungen in der Physiotherapie häufig von erheblicher subjektiver Variabilität betroffen, ungenau und nicht reproduzierbar sind. Die Palpation, die über die Fingerkuppen mechanisch-thermische Gewebeeigenschaften erfassen soll, unterliegt ähnlichen Einschränkungen. Wissenschaftliche Skepsis über die Beurteilungsfähigkeit palpatorischer Parameter breitet sich aus, und Therapeuten sollten sich der Grenzen ihrer taktilen Wahrnehmung bewusst sein.
Die Überinterpretation taktiler Wahrnehmungen führt zu irrtümlichen Schlussfolgerungen und sogar zu Falschaussagen und Nocebos („Die Faszie ist verklebt“). Studien belegen die Unzuverlässigkeit solcher Palpationsbefunde – erfahrene Untersucher können beispielsweise allein durch Palpation nicht korrekt identifizieren, welche Seite bei Rücken- oder Nackenschmerzen schmerzhaft ist.
Die Kommunikationsfalle: Vom Defizit zum Potenzial
Besonders problematisch ist die Art, wie Testergebnisse kommuniziert werden. Anstatt von Schwäche oder Steifigkeit zu sprechen, könnten wir Potenziale beschreiben: „Die rechte Hüfte hat Trainingspotenzial in der Außenrotation“ oder „Mit zehn Grad mehr Beweglichkeit erreichen wir einen Gleichstand zur anderen Seite“ – statt zu sagen, dass etwas steifer, schwächer, krummer oder härter ist. Gerade bei chronischen Schmerzpatienten kann sich negatives Labeling durch die Verstärkung von Katastrophisierung und Schmerzfokussierung destruktiv auswirken.
Weniger ist manchmal mehr
Genau wie bei Anamnesen, wo wir uns selbst erst fragen sollten „Was bezwecke ich mit dieser Frage? Ist sie notwendig?“ sollten wir uns auch beim Testen fragen: „Was möchte ich mit diesem Test bezwecken? Bringt er etwas? Was nützt er? Schadet er vielleicht sogar?“ Häufig testen wir, um den Anschein zu erwecken, wir würden uns kümmern, irgendetwas abarbeiten oder einer Sache auf der Spur sein. Detective-Mode on! Doch 80% der Tests sind entweder komplett unnötig oder werden mit falschen Ableitungen verwendet. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr – das bedeutet nicht, dass wir überhaupt nicht mehr testen sollten, aber wir sollten uns in der grauen Mitte zwischen Testmanie und Testabstinenz ansiedeln.
Fazit: Für eine reflektierte Testkultur
Der Test bleibt ein wertvolles Instrument – wenn wir seine Intention klar definieren und seine Grenzen respektieren. Anstatt zwanghaft nach Defiziten zu suchen, sollten wir eine offene Testintention kultivieren, die auch mit neutralen Ergebnissen zufrieden ist. Keine Auffälligkeit oder kein Unterschied ist auch ein Ergebnis – und oft ein besseres als ein künstlich konstruiertes Defizit.
Genau wie beim Re-Test, wo wir die Gefahr der kausalen Überinterpretation diskutiert haben, müssen wir auch beim initialen Testen Demut entwickeln. Unsere Tests sollen dem Patienten dienen, nicht unserem Bedürfnis nach diagnostischer Gewissheit (außer beim Ausschluss von Red-Flags). Eine reflektierte Testkultur bedeutet, die Komplexität menschlicher Erfahrung anzuerkennen und unsere Rolle als Begleiter statt als Defizitdetektive zu verstehen. Nur so können wir vom Problem-Finder zum Potenzial-Entdecker werden.
Hinweis: Dieser Artikel schließt an die Diskussion über Re-Tests an und erweitert die Betrachtung auf die gesamte Testkultur in der Physiotherapie. Beide Themen zeigen die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion unserer diagnostischen Praktiken.
Der nächste Artikel erscheint in 4 Wochen! Es geht um Kategorisierung und Labelling. Let‘s go und immer weiter nach vorne!
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