02/02/2026| Ahura Bassimtabar

 Sensibilisierung: Wenn der Körper zu sehr schützen will 

Warum Vorsicht nach Verletzungen sinnvoll ist und wann sie zum Problem wird – Stell dir vor, du hattest vor einigen Wochen einen Auffahrunfall. Doch seitdem fährst du anders: mehr Abstand, mehr Bremsbereitschaft, ständige Wachsamkeit. Beim kleinsten Aufleuchten der Bremslichter vor dir geht dein Fuß schon reflexartig aufs Bremspedal. Klingt nach einer vernünftigen Reaktion, oder? Zunächst ist diese erhöhte Vorsicht sogar sinnvoll, sie schützt dich vor einem erneuten Unfall. Doch wenn du Monate später immer noch bei jeder Autofahrt angespannt bist, übermäßig große Abstände hältst und dadurch womöglich den Verkehr hinter dir aufhältst oder durch dein defensives Verhalten neue Gefahrensituationen schaffst, dann ist aus einer adaptiven Schutzreaktion ein dysfunktionales Verhaltensmuster geworden.

Genau dieses Prinzip gilt auch für unseren Körper und das Schmerzerleben. Willkommen in der faszinierenden Welt der Sensibilisierung, einem Mechanismus, der eigentlich schützen soll, aber manchmal über das Ziel hinausschießt.

Sensibilisierung: Ein intelligenter Schutzmechanismus

Bevor wir Sensibilisierung als Problem betrachten, müssen wir verstehen: Sie ist zunächst eine brillante physiologische Anpassungsreaktion. Nach einer Gewebeverletzung oder während einer akuten Entzündung senkt der Körper die Aktivierungsschwellen der Schmerzrezeptoren, der sogenannten Nozizeptoren. Was normalerweise nicht wehtun würde, löst plötzlich Schmerzen aus.

Denk an einen Sonnenbrand: Eine sanfte Berührung der Haut, die sonst völlig harmlos wäre, wird zur schmerzhaften Tortur. Das ist Allodynie, also Schmerz bei nicht-schädlichen Reizen. Oder nimm eine frische Schnittwunde: Selbst leichte Bewegungen der verletzten Stelle schmerzen deutlich stärker, als man erwarten würde. Das nennen wir Hyperalgesie, eine überschießende Schmerzreaktion auf einen schädigenden Reiz.

Diese Mechanismen haben eine klare Funktion: Sie zwingen uns zur Schonung. Das verletzte Gewebe bekommt die Pause, die es zur Heilung braucht. Wir bewegen den verletzten Bereich weniger, belasten ihn nicht und geben ihm damit die beste Chance zur Regeneration. Die erhöhte Sensibilität ist also eine Form der Hyperprotektion, denn der Körper schützt sich selbst vor weiterem Schaden.

Periphere und zentrale Sensibilisierung: Zwei Ebenen des Alarms

Sensibilisierung findet auf zwei Ebenen statt. Die periphere Sensibilisierung betrifft die Nervenendigungen im verletzten Gewebe selbst. Durch inflammatorische Botenstoffe werden diese Rezeptoren empfindlicher, wobei auch Nozizeptoren aktiviert werden, die normalerweise nicht aktiv sind. Das Resultat: Mehr Schmerzimpulse werden ans zentrale Nervensystem gesendet.

Die zentrale Sensibilisierung geht noch einen Schritt weiter. Hier verändern sich die Nervenzellen im Rückenmark und im Gehirn selbst. Bei wiederholter oder anhaltender Schmerzreizung, insbesondere durch langsam leitende C-Fasern, kommt es zu einem Phänomen namens Wind-Up. Die Neuronen werden zunehmend erregbarer, ihre Reizschwelle sinkt, und sie reagieren immer stärker auf die gleichen Impulse.

Stell dir das vor wie eine Lawine: Der erste Schneeball ist klein, doch mit jedem Meter Bergabfahrt sammelt er mehr Schnee und wird größer. So verhält es sich auch mit den Schmerzimpulsen bei zentraler Sensibilisierung. Der Input bleibt gleich oder nimmt sogar ab, aber die Schmerzantwort wird immer stärker.

Wenn der Schutz zum Dauerzustand wird

Normalerweise klingt die Sensibilisierung mit fortschreitender Heilung wieder ab. Die Entzündung geht zurück, das Gewebe regeneriert sich, und die Alarmsysteme fahren wieder herunter. Doch manchmal bleibt der Alarm an, auch wenn die ursprüngliche Gefahr längst vorüber ist.

Dies kann zwei Ursachen haben: Entweder die Gewebeheilung ist tatsächlich noch nicht abgeschlossen und chronische Entzündungsprozesse bestehen fort. Oder, und das ist besonders interessant, das Nervensystem hat sich verselbständigt. Es sendet weiterhin Alarmsignale, obwohl im Gewebe selbst keine akute Bedrohung mehr vorliegt.

Man spricht hier vom Schmerzgedächtnis. Das zentrale Nervensystem hat gelernt, auf Schmerz zu reagieren, und es vergisst dieses Muster nicht so leicht. Ähnlich wie beim Autofahren nach dem Unfall: Die Gefahr ist vorbei, aber das System bleibt in Alarmbereitschaft.

Alltagsnahe Metaphern: Sensibilisierung verstehen

Lass uns das Konzept der Sensibilisierung mit einigen Beispielen aus dem Alltag verdeutlichen, die zeigen, wie sinnvolle Schutzreaktionen zu problematischen Dauermustern werden können. Denn Neuroscience Education ist cool, verstehen aber die wenigsten Patienten.

1. Der wütende Freund: Emotionale Sensibilisierung

Stell dir vor: Ein Mann streitet heftig mit seiner Partnerin. Er ist verletzt und verärgert, zieht sich in ein anderes Zimmer zurück und schließt die Tür. Er braucht Zeit zum Abkühlen, eine völlig normale Schutzreaktion.

Zwei Minuten später klopft die Partnerin vorsichtig an die Tür, um das Gespräch zu suchen, eigentlich eine freundliche Geste. Doch er reagiert unerwartet heftig: „Lass mich in Ruhe!“, schreit er zurück. Die Reaktion ist völlig unangemessen im Verhältnis zum tatsächlichen Input.

Was ist passiert? Er war akut sensibilisiert. Sein emotionales System befand sich noch in der Entzündungsphase und brauchte Erholung. Ein normalerweise harmloser Reiz (das Anklopfen) löste eine überschießende Reaktion aus, vergleichbar mit der Hyperalgesie. Sollte er allerdings auch Tage später noch bei jedem Versuch der Kontaktaufnahme so reagieren, wäre dies nicht mehr adaptiv, sondern ein Zeichen dafür, dass die Heilung nicht stattgefunden hat.

2. Der Auffahrunfall: Zwischen Vorsicht und Übervorsicht

Zurück zum Autobeispiel vom Anfang: Nach einem Auffahrunfall ist erhöhte Vorsicht zunächst sinnvoll und schützend. Mehr Abstand halten, früher bremsen, wachsamer sein – das sind vernünftige Anpassungen.

Doch das Problem entsteht, wenn dieses Schutzprogramm zum Dauerzustand wird. Plötzlich reagieren wir nicht mehr nur auf echte Gefahren, sondern auch auf objektiv harmlose Situationen. Wir bremsen stark ab, obwohl noch genug Platz wäre. Wir halten so großen Abstand, dass der Verkehr hinter uns gestört wird und womöglich neue Gefahrensituationen entstehen.

Der kurzfristige Vorteil, nämlich weniger Risiko für einen erneuten Auffahrunfall, wird zum langfristigen Nachteil: Stau hinter uns, erhöhter Stress, möglicherweise sogar erhöhte Unfallgefahr durch zu defensives Fahrverhalten. Das System ist zu sensibel geworden.

3. Der Rauchmelder: Wenn der Alarm zu empfindlich wird

Ein Rauchmelder ist ein perfektes Beispiel für ein Sensibilisierungssystem. Nach einem echten Brand in der Wohnung könntest du den Rauchmelder bewusst empfindlicher einstellen, eine verständliche Schutzreaktion.

Doch was passiert, wenn der Melder nun bei jedem Wasserdampf vom Duschen, bei jedem Toastvorgang oder sogar bei etwas Staub in der Luft Alarm schlägt? Du wirst ständig in Alarmbereitschaft versetzt, obwohl keine echte Gefahr besteht. Irgendwann ignorierst du vielleicht sogar den Alarm, oder du vermeidest bestimmte Aktivitäten völlig (kein Toast mehr, nur noch kalt duschen).

Genau so funktioniert zentrale Sensibilisierung: Das Alarmsystem (unser Nervensystem) ist so empfindlich geworden, dass es bei harmlosen Reizen wie normalen Bewegungen oder leichten Berührungen Alarm schlägt. Und wir beginnen, diese Aktivitäten zu vermeiden, mit allen negativen Konsequenzen für unser Leben.

4. Die überfürsorgliche Mutter: Wenn Schutz zur Einschränkung wird

Ein Kind stürzt beim Klettern vom Spielgerüst und verletzt sich am Knie. Die Mutter ist besorgt und passt in den nächsten Tagen besonders auf, völlig angemessen. Sie ermutigt das Kind, vorsichtiger zu sein, begleitet es näher beim Spielen.

Doch wenn sie noch Monate später jedes Klettern verbietet, bei jeder sportlichen Aktivität Angst zeigt und dem Kind vermittelt, dass Bewegung gefährlich ist, wird aus Fürsorge Überbehütung. Das Kind entwickelt möglicherweise Bewegungsangst, verliert motorische Fähigkeiten und wird tatsächlich anfälliger für Verletzungen, weil es nie gelernt hat, sicher mit Herausforderungen umzugehen.

Unser Nervensystem kann sich ähnlich verhalten: Nach einer Verletzung beschützt es uns, indem es Schmerzsignale sendet. Doch wenn dieser Schutz übermäßig wird und wir bestimmte Bewegungen oder Aktivitäten komplett meiden, führt dies zu Dekonditionierung, Muskelabbau und erhöhter Verletzungsanfälligkeit. Ein Teufelskreis entsteht.

Die zweischneidige Klinge der Vermeidung

Bei chronischer Sensibilisierung greifen viele Menschen zu einer scheinbar logischen Strategie: Vermeidung. Wenn Bewegung wehtut, bewege ich mich weniger. Wenn bestimmte Aktivitäten Schmerzen auslösen, lasse ich sie weg. Kurzfristig mag das Erleichterung bringen, ähnlich wie der extrem große Abstand beim Autofahren nach dem Unfall.

Doch langfristig entstehen neue Probleme:

  • Dekonditionierung: Muskeln werden schwächer, die Ausdauer sinkt, die Beweglichkeit nimmt ab. Der Körper wird tatsächlich fragiler.
  • Verstärkung der Sensibilisierung: Das Nervensystem lernt, dass diese Aktivitäten gefährlich sind. Die Vermeidung bestätigt das Alarmsystem in seiner Überwachsamkeit.
  • Eingeschränkte Lebensqualität: Aktivitäten, die Freude bereiten, fallen weg. Soziale Kontakte werden reduziert. Das Leben wird kleiner.
  • Psychische Belastung: Frustration, Hilflosigkeit und depressive Verstimmungen können entstehen, was wiederum die Schmerzwahrnehmung verstärkt.

Die Vermeidung, die als Schutz gedacht war, wird selbst zum Problem. Wie beim zu defensiven Autofahren entsteht nicht mehr Sicherheit, sondern neue Gefahren.

Wege aus der Sensibilisierung: Vertrauen wiederherstellen

Wenn zentrale Sensibilisierung vorliegt, verschiebt sich der Behandlungsfokus. Es geht weniger um strukturelle Gewebeveränderungen und mehr um die Desensibilisierung des Nervensystems. Das Ziel ist Vertrauensaufbau, also dem Körper beizubringen, dass bestimmte Bewegungen und Aktivitäten wieder sicher sind.

Schmerzedukation: Verstehen schafft Kontrolle

Ein wesentlicher erster Schritt ist die Aufklärung über Schmerzmechanismen. Wenn Menschen verstehen, dass ihre Schmerzen nicht zwingend bedeuten, dass Gewebe geschädigt wird, reduziert dies die Angst. Dieses Verständnis allein kann bereits zu einer Verringerung der Schmerzintensität führen, da die Bedrohungsbewertung im Gehirn sich verändert.

Schmerzedukation hilft zu erkennen: Mein Alarmsystem ist zu empfindlich eingestellt, aber ich bin nicht kaputt.

Graded Exposure: Schritt für Schritt zurück ins Leben

Ein zentraler Therapieansatz bei Sensibilisierung ist die graduierte Exposition, also das schrittweise, kontrollierte Heranführen an vermiedene oder gefürchtete Bewegungen und Aktivitäten. Ähnlich wie beim Autofahren nach dem Unfall: Man fährt zunächst kurze, vertraute Strecken bei wenig Verkehr, bevor man sich wieder an Autobahnen oder Stoßzeiten wagt.

Das Nervensystem lernt dabei: Diese Aktivität ist sicher. Es passiert nichts Schlimmes. Mit jeder positiven Erfahrung wird die Sensibilisierung reduziert, die Reizschwellen steigen wieder an.

Kognitive Verhaltenstherapie: Gedanken und Schmerz

Unsere Gedanken und Überzeugungen beeinflussen massiv, wie unser Nervensystem Signale interpretiert. Katastrophisierende Gedanken wie „Ich werde nie wieder schmerzfrei sein“ oder „Jede Bewegung macht alles schlimmer“ verstärken die zentrale Sensibilisierung.

Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) hilft, solche dysfunktionalen Denkmuster zu erkennen und zu verändern. Realistische, hilfreiche Gedanken reduzieren die Bedrohungsbewertung und damit die Schmerzwahrnehmung.

Achtsamkeit und Entspannung: Das Nervensystem beruhigen

Chronischer Stress und Anspannung halten das Nervensystem in erhöhter Alarmbereitschaft. Achtsamkeitsbasierte Techniken, progressive Muskelentspannung und Atemübungen können helfen, das autonome Nervensystem zu regulieren und die Grundspannung zu senken. So sehr ich intensives und progressives Krafttraining liebe, mit der Hantel löst man nicht alle Probleme. 😉

Ein entspannteres Nervensystem ist weniger anfällig für überschießende Schmerzreaktionen.

Bewegung als Medizin: Dosiert und progressiv

Bewegung und Training sind nicht nur wichtig für die physische Kondition, sondern auch für die Desensibilisierung. Regelmäßige, angepasste körperliche Aktivität sendet dem Nervensystem das Signal: Bewegung ist sicher und normal.

Wichtig ist die richtige Dosierung, weder zu viel (was zu Überlastung führt) noch zu wenig (was die Vermeidung aufrechterhält). Ein erfahrener Therapeut weiß, wie man die Balance findet. Und vor allem DASS Balance wichtig ist. Und nicht immer nur Vollgas und bewegen und belasten.

Interdisziplinäre Schmerztherapie: Das große Ganze

Bei komplexer chronischer Sensibilisierung ist oft ein interdisziplinäres Team erforderlich: Ärzte, Physiotherapeuten, Psychologen, Ergotherapeuten und möglicherweise Schmerztherapeuten arbeiten zusammen. Manchmal kommen auch medikamentöse Ansätze hinzu, die das überaktive Nervensystem dämpfen können.

Der Fokus liegt dabei auf einem ganzheitlichen Ansatz: Nicht nur die Schmerzen behandeln, sondern die Lebensqualität wiederherstellen.

Fazit: Von der Überprotektion zur Balance

Sensibilisierung ist kein Fehler der Natur. Sie ist eine intelligente Schutzreaktion, die nach Verletzungen und in der akuten Heilungsphase absolut sinnvoll ist. Das Problem entsteht, wenn dieser Schutz zum Dauerzustand wird, wenn der Rauchmelder auch Monate nach dem Brand noch bei jedem Wasserdampf Alarm schlägt.

Wie beim Autofahren nach dem Unfall ist das Ziel nicht, alle Vorsicht über Bord zu werfen. Das Ziel ist Balance. Vorsichtig sein, ja. Aber nicht so vorsichtig, dass wir uns selbst und andere in neue Gefahren bringen. Nicht so ängstlich, dass wir das Leben nicht mehr leben können.

Bei chronischen Schmerzen bedeutet das: Weniger Fokus auf strukturellen Gewebeumbau, mehr Fokus auf Desensibilisierung. Weniger „Du musst kräftiger werden“, mehr „Du darfst wieder vertrauen“. Vertrauen in den eigenen Körper, Vertrauen in Bewegung, Vertrauen in die Fähigkeit zu heilen – das ist der Weg aus der chronischen Sensibilisierung. Und dieses Vertrauen lässt sich lernen, Schritt für Schritt, mit Geduld und der richtigen Unterstützung.

Der nächste Artikel erscheint sehr bald. Das Thema weiß ich noch nicht – mal schauen, wohin mich meine Gedanken und Finger führen. Vergiss nicht dich für den Newsletter anzumelden, um nichts zu verpassen. 👇🏼

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